Jüterbog, eine alte Handelsstadt im Süden der Provinz Brandenburg, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Artillerie-Ausbildungsort des preußischen Heeres. Den Anfang machte 1864 der Ankauf von zunächst 55 Hektar Land nördlich der Stadt für einen Artillerieschießplatz. 1870 erwarb der Militärfiskus in der Nachbargemeinde Niedergörsdorf weitere Flächen für ein Barackenlager, das später als Altes Lager bekannt wurde. Der Platz wuchs stetig: 1891 umfasste er bereits 3.315 Hektar, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs rund 5.000 Hektar, und 1917 wurde er nochmals erweitert. Verwaltet wurde das Gelände als eigener Gutsbezirk 'Schießplatz Jüterbog', der 1896 förmlich aus Flächen mehrerer Gemeinden gebildet wurde.
Die entscheidende Wende kam mit dem Etatsjahr 1889/90: Die am 4. Juli 1867 auf Initiative des Generals der Artillerie Gustav Eduard von Hindersin in Berlin gegründete Artillerie-Schießschule fand am Tegeler Schießplatz keinen sicheren Raum mehr, da die wachsende Reichshauptstadt an ihre Übungsflächen heranrückte. 1890 wurde die Schule nach Jüterbog verlegt; allein für die Neubauten waren 539.000 Mark veranschlagt. Noch im selben Jahr, durch Kabinettsorder vom 20. Februar 1890, wurde die Einrichtung geteilt: Fortan bestanden nebeneinander die Feldartillerie-Schießschule und die Fußartillerie-Schießschule, beide bis 1919 in Jüterbog.
Beide Schulen waren keine bloßen Kursstätten mit wechselnder Belegung, sondern hatten ständige Verbände am Ort. Die Feldartillerie-Schießschule verfügte über Lehrbatterien, aus denen bis 1893 eine zweite und 1895 eine dritte Lehr-Abteilung entstanden; um 1900 wurden sie zum Lehr-Regiment der Feldartillerie-Schießschule zusammengefasst. Die 1891 unter ihrem ersten Kommandeur Oberstleutnant von Rauch eröffnete Fußartillerie-Schießschule begann mit zwei Lehrkompanien, die bis 1893 auf Bataillonsstärke wuchsen. In der Friedensgliederung von 1914 standen das Lehr-Regiment der Feldartillerie-Schießschule und das Lehr-Bataillon der Fußartillerie-Schießschule mit bespanntem Trainzug in Jüterbog; beide Lehrtruppen rangierten bei den Formationen des Gardekorps, während Stadt und Schießplatz territorial zum Bezirk des III. Armeekorps gehörten.
Für die Schulen und ihre Lehrtruppen entstand nordwestlich des Bahnhofs eine eigene Garnisonsstadt: Jüterbog II. Ihre Kasernen, Wirtschaftsgebäude, Stallungen, Offizierswohnhäuser und zwei Wassertürme wurden im Kern zwischen 1890 und 1902 im Stil der märkischen Backsteingotik errichtet. Bis zur Fertigstellung mussten die ersten Lehrverbände in Bürgerquartieren und in der Luisenschule der Stadt unterkommen. Die Fußartillerie war nur zum Teil in Jüterbog II untergebracht; ihr anderer Teil lag im Neuen Lager, das um 1890 südlich des alten Platzes auf 1.629 zugekauften Hektar entstanden war, und zog erst mit dem Bau der Fuchsbergkasernen zu Beginn des Ersten Weltkriegs um.
Die Bedeutung Jüterbogs reichte weit über Preußen hinaus: Ab 1892 durchliefen nahezu alle Artillerieoffiziere des deutschen Heeres — mit Ausnahme der bayerischen — ihre Schießausbildung in Jüterbog. Für Offiziere der Fußartillerie, der schweren Festungs- und Belagerungsartillerie, war der Besuch der Schießschule von Beginn an Pflicht; die Grundausbildung dauerte ein Jahr und konnte sich auf bis zu vier Jahre erstrecken. Zu den Kommandeuren der Feldartillerie-Schießschule zählten nach Oberstleutnant von Reichenau (1890) unter anderem Generalmajor von Wittken (ab 1900) und Oberst Kettembeil (1904–1909).
Auch verkehrstechnisch wurde die Garnison an das militärische Netz angeschlossen: Am 1. Mai 1897 erreichte die Königlich Preußische Militär-Eisenbahn, die seit 1875 von Berlin über Zossen zum Schießplatz Kummersdorf führte, nach einer 25 Kilometer langen Verlängerung den Militärbahnhof Jüterbog. Die vom Militär betriebene Strecke verband die Übungsplätze der Region untereinander und stellte zugleich eine Querverbindung zwischen Berlin-Dresdener und Berlin-Anhaltischer Bahn her.
Im Ersten Weltkrieg diente der Platz der Ausbildung und Aufstellung von Artillerieverbänden; die Schießschulen bestanden fort, und bei Niedergörsdorf entstanden in dieser Zeit zwei Luftschiffhallen. 1919 endete die Geschichte der beiden kaiserlichen Schießschulen; die Reichswehr richtete 1920 in Jüterbog ihre Artillerieschule ein, die unter der Wehrmacht fortgeführt und 1943 nach Pommern verlegt wurde. Von 1945 bis in die 1990er Jahre nutzte die sowjetische Armee Kasernen und Übungsplatz; die militärische Nutzung des Platzes endete erst 1992.
Heute zeigt Jüterbog beide Seiten dieses Erbes. Die Kasernenstadt Jüterbog II steht unter Denkmalschutz und wird zum Teil bewohnt, doch viele Gebäude verfallen; ein 2018 begonnenes privates Sanierungsvorhaben scheiterte mit der Insolvenz des Investors. Der frühere Übungsplatz von zuletzt 9.280 Hektar wurde 1999 zu großen Teilen als Naturschutzgebiet Forst Zinna–Jüterbog–Keilberg ausgewiesen und wird von der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg als Wildnisgebiet betreut. Der Boden ist noch immer stark munitionsbelastet, was bei den großen Waldbränden von 2019 und 2023 deutlich wurde.
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