Lahr gehört zu den Garnisonsstädten, die ihre Truppen nicht geerbt, sondern gekauft haben. Bis weit in die 1890er Jahre lag in der badischen Industriestadt an der Schutter kein Truppenteil; die ersten fünfundzwanzig Jahre des Kaiserreichs verbrachte Lahr ohne Militär. Hintergrund der Lahrer Garnisonspolitik war eine anhaltende Wachstumsschwäche am Ende des 19. Jahrhunderts. Garnisonen sollten der Stadt neue Impulse, Menschen und Kaufkraft bringen, und dafür war man zu Investitionen von fast neun Millionen Reichsmark bereit — dem Vielfachen des städtischen Haushalts. Das Kalkül war kaufmännisch abgesichert: Solange die Kasernen fest und mit etwa vier bis fünf Prozent verzinst an den Staat verpachtet werden konnten, blieb das Risiko überschaubar. Die Heeresvermehrung von 1893 brachte Lahr schließlich die lang ersehnte Zusage.
Am 1. Oktober 1898 wurde Lahr Garnisonsstadt. In die neuen, weithin sichtbaren Kasernen über der Stadt — auf dem Areal des heutigen Industriehofs — zog das 8. Badische Infanterie-Regiment Nr. 169 ein, das im April 1897 aus abgegebenen Bataillonen bestehender badischer Regimenter aufgestellt worden war. In Lahr lagen der Regimentsstab sowie das I. und das II. Bataillon; das 1913 neu aufgestellte III. Bataillon kam nach Villingen. Im September 1913 trat eine Maschinengewehr-Kompanie hinzu. Die Friedensstärke des Lahrer Anteils betrug um 1910 rund 1.256 Mannschaften, 160 Unteroffiziere und 39 Offiziere. Auch der Stab der 84. Infanterie-Brigade nahm seinen Sitz in Lahr. Über die Brigade gehörte das Regiment zur 29. Division in Freiburg und damit zum XIV. Armee-Korps in Karlsruhe — jenem Korps, in dem die badischen Truppen nach der Militärkonvention vom 25. November 1870 als unmittelbarer Bestandteil der preußischen Armee zusammengefasst waren.
Vier Jahre später folgte die zweite Waffengattung. 1902 bezog das 4. Badische Feldartillerie-Regiment Nr. 66 mit Regimentsstab und II. Abteilung die gegenüberliegende Kaserne, das heutige Neuwerkhof-Areal; die I. Abteilung lag in Neubreisach im Elsass. Das Regiment war Anfang Oktober 1899 aufgestellt worden und stellt eine organisatorische Besonderheit dar: Obwohl in Baden garnisoniert, war es vom XIV. Armee-Korps abkommandiert und der 39. Feldartillerie-Brigade der 39. Division in Colmar unterstellt, die zum XV. Armee-Korps im Reichsland Elsaß-Lothringen gehörte. Die Rechnung der Stadt ging auf: Um 1900 gewann Lahr nicht nur knapp 2.000 Soldaten, sondern auch zahlreiche Handwerker und Kaufleute; die Sandsteinhäuser entlang der Lotzbeck-, Tiergarten- und Kaiserstraße zeugen bis heute von diesem Bauboom. Der katholische Abgeordnete und Schriftsteller Heinrich Hansjakob sah die neuen Kasernen freilich „wie Zwingburgen leuchten“ und hielt Fabriken und Kasernen für die zwei Wahrzeichen einer Zeit, die dem Volkswohl wenig Gutes verheiße.
Kurz vor dem Krieg kam die dritte und modernste Waffengattung hinzu. Noch vor 1914 beschloss die kaiserliche Armee die Aufstellung von Kriegsluftschifferbataillonen; 1913 wurde Lahr zum Standort der 3. Kompanie des Luftschiffer-Bataillons Nr. 4 bestimmt. Das Bataillon unterstand dem XIV. Armee-Korps, sein Stab und die 1. Kompanie lagen in Mannheim, die 2. Kompanie in Metz, die 4. (königlich württembergische) Kompanie in Friedrichshafen. Die Stadt Lahr stellte Gelände unmittelbar neben dem Artillerieexerzierplatz westlich von Dinglingen zur Verfügung; die militärischen Anlagen einschließlich der Luftschifferkaserne wurden vom Staat gebaut. Im Hinterkopf hatte man dabei auch einen möglichen zivilen Luftschiffhafen, wie er seit 1910 in Baden-Baden (Oos) bestand. Die Sache ging schief: Die Ingenieure der Luftschiffhalle hatten sich verrechnet. Der Bau taugte für die kleineren Parseval-Luftschiffe, die größeren Zeppeline passten schlicht nicht hinein. Bataillonskommandeur Major von Bockelmann erwirkte daraufhin, dass die 3. Kompanie im Frühjahr 1913 mit rund achtzig Mann vorläufig in Baracken auf dem Luftschiffhafen Gotha untergebracht wurde, dessen Halle er von der Eröffnung 1911 her kannte. Dort blieb sie knapp anderthalb Jahre, bis die Luftschiffer-Bataillone bei Kriegsbeginn in Luftschiffer-Ersatz-Abteilungen umgegliedert wurden.
Mit dem Bau der eigentlichen Zeppelinhalle wurde erst nach Kriegsbeginn 1914 begonnen; nach der Fertigstellung 1915 erhielt sie einen Tarnanstrich. Ein Luftschiff hat sie nie beherbergt — die Zeppeline erwiesen sich rasch als kriegsuntauglich. Stattdessen standen 1918, noch vor Kriegsende, Kampfeinsitzer vom Typ Albatros D.V in der Halle. Die in Lahr stationierte Staffel schoss im Juni 1918 bei Nonnenweier eine britische DH.9 der No. 99 Squadron ab; die beiden getöteten kanadischen Flieger, Leutnant Harper und Second Lieutenant Benson, wurden mit militärischen Ehren auf dem Lahrer Bergfriedhof beigesetzt, die Särge geleitet von englischen Kriegsgefangenen und der Musikkapelle des Infanterie-Regiments Nr. 169. Zum Schutz des Flugplatzes lag auf dem Schutterlindenberg eine Luftabwehreinheit. Auch die Ersatzformationen prägten die Stadt: Anfang August 1914 stellte das Infanterie-Regiment Nr. 169 sein I. Ersatz-Bataillon in Lahr auf; ein zweites folgte im Februar 1915 in Emmendingen.
Der Krieg kostete 581 Lahrer Männer das Leben. Danach endete die Garnisonsgeschichte des Kaiserreichs abrupt: Der Versailler Vertrag legte rechts des Rheins einen breiten entmilitarisierten Streifen fest, ein 1914/15 begonnener weiterer Kasernenabschnitt wurde nie belegt, und die Luftschiffhalle musste demontiert werden — der Unternehmer Hermann Honnef besorgte den Abbruch und verkaufte die Hallenteile; nur Seitenmauern blieben stehen. In die Kasernen zogen Industrie und Wohnbevölkerung ein, das Luftschiffergelände wurde zum Grasflugplatz. Erst 1936 wurde Lahr im Rahmen der nationalsozialistischen Aufrüstung wieder Garnisonsstadt, später folgten französische und ab 1967 kanadische Streitkräfte. Aus dem badischen Luftschiffhafen, der nie einen Zeppelin sah, wurde am Ende der Flugplatz Lahr.
Für die Datenlage bedeutet das: Lahr ist ein Ort mit ungewöhnlich breitem Truppenspektrum auf sehr kurzer Zeitachse. Innerhalb von nur fünfzehn Jahren, zwischen 1898 und 1913, kamen Infanterie, Feldartillerie und Luftschiffertruppe zusammen, ergänzt um die Flieger des letzten Kriegsjahres. Die in unseren Daten geführte Angabe „Heer, Luftschiffertruppe“ ist damit sachlich richtig, greift aber zu kurz, weil sie die beiden zahlenmäßig weit stärkeren klassischen Waffengattungen nicht ausweist.
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