Pforzheim trug im Kaiserreich den Beinamen Goldstadt, und dieser Name war wörtlich zu verstehen. Den Grundstein legte Markgraf Karl Friedrich von Baden: Im Juni 1767 begann im Pforzheimer Waisenhaus die Taschenuhrproduktion, am 1. März 1768 wurde die Produktpalette um Juwelen und Goldwaren erweitert. Aus den 13 Handwerksbetrieben — den sogenannten Kabinetten — mit 117 Arbeitskräften des Jahres 1776 entwickelte sich ein Industriezweig, der die Stadt vollständig prägte. 1800 waren es 29 Betriebe mit 789 Arbeitskräften, 1848 zählte die Branche 1.200 Beschäftigte, 1873 bereits 7.800.
In der Kaiserzeit beschleunigte sich dieses Wachstum erheblich. Für 1900 sind 498 Betriebe mit rund 15.000 Arbeitskräften überliefert, für 1913 dann 520 Betriebe; die Beschäftigtenzahl dieses Höchststandes wird in den herangezogenen Darstellungen mit 31.000 beziehungsweise knapp 37.500 Personen angegeben. In jedem Fall arbeitete ein sehr großer Teil der Erwerbsbevölkerung in Schmuck-, Gold-, Silber- und Uhrenwaren, ergänzt um Einpendler aus den umliegenden Gemeinden. Pforzheim war damit im Großherzogtum Baden kein Verwaltungs- oder Militärplatz, sondern ein Industriestandort mit einer einzigen dominierenden Branche.
Militärisch stand Baden nach der Militärkonvention von 1870/71 unter preußischer Heeresverwaltung. Die badischen Truppen bildeten das XIV. Armee-Korps mit dem Generalkommando in Karlsruhe, dem die 28. Division in Karlsruhe und die 29. Division in Freiburg im Breisgau unterstanden. Pforzheim lag in diesem Korpsbereich, war jedoch keine Garnisonsstadt. Als badische Standorte des Korps sind Karlsruhe, Rastatt, Freiburg, Mannheim und Heidelberg, Konstanz, Lahr, Offenburg, Bruchsal, Schwetzingen, Kehl und Durlach sowie Mülhausen im Elsass überliefert — Pforzheim erscheint in diesen Aufstellungen nicht.
Auch die naheliegende Annahme, Bataillone des 3. Badischen Infanterie-Regiments „Markgraf Ludwig Wilhelm“ Nr. 111 oder des Infanterie-Regiments Nr. 169 hätten in der Stadt gelegen, bestätigt sich nicht. Das Regiment Nr. 111 hatte seinen Standort in Rastatt und gehörte bei Kriegsausbruch zur 56. Infanterie-Brigade der 28. Division; sein Ersatz-Bataillon wurde im August 1914 ebenfalls in Rastatt aufgestellt. Das Regiment Nr. 169 unterstand der 84. Infanterie-Brigade der 29. Division, sein Ersatz-Bataillon lag in Lahr. Nach Pforzheim gelangte das Regiment Nr. 111 erst im Januar 1919, weil die Abrüstungsbedingungen die Auflösung fast aller Garnisonen in der Rheinzone erzwangen und eine Rückkehr nach Rastatt ausschlossen. Untergebracht wurde es behelfsmäßig in der Holzgartenschule und der Brötzinger Schule, bis es im April 1919 aufgelöst wurde.
Militärische Präsenz im engeren Sinn beschränkte sich vor 1918 auf die Verwaltung des Ersatzwesens. Für Pforzheim ist ein Bezirkskommando belegt, das am 1. Oktober 1913 aufgestellt wurde; dessen Kriegsstammrollen liegen heute im Generallandesarchiv Karlsruhe. Solche Kommandos waren dem Generalkommando nachgeordnet und wickelten gemeinsam mit den Zivilbehörden Musterung und Aushebung ab, unterhielten aber keine Truppe. Eine Kaserne besaß die Stadt in der Kaiserzeit dementsprechend nicht. Der erste Kasernenbau entstand erst 1935/36 auf dem Buckenberg, offiziell als Polizeikaserne deklariert, weil Pforzheim nach dem Versailler Vertrag in der entmilitarisierten Zone lag. Im Oktober 1936 wurde die Anlage der Wehrmacht übergeben; am 6. Oktober 1936 zog das III. Bataillon des Infanterie-Regiments 111 in den noch unfertigen Bau ein. Nach 1945 nutzten französische Truppen das Areal als Quartier Burnol; die militärische Nutzung endete 1996, der Baubestand wurde überwiegend 2007 abgebrochen, das Gelände dient seither zivilen Wohn- und Gewerbezwecken.
Die zivile Entwicklung verlief rasant. 1881 hatte Pforzheim 25.000 Einwohner, bis 1902 verdoppelte sich diese Zahl auf 50.000; 1905 kamen durch die Eingemeindung von Brötzingen nahezu 6.000 weitere hinzu. Verkehrlich war die Stadt früh erschlossen: Am 3. Juli 1861 erreichte die Bahn von Karlsruhe her Pforzheim, am 29. Mai 1863 war die durchgehende Strecke nach Mühlacker und damit die Verbindung in Richtung Stuttgart fertiggestellt. In den Folgejahren kamen die Bahnen in das Enz- und das Nagoldtal hinzu, die die Schwarzwaldtäler an die Industriestadt anbanden. Die Lage am Zusammenfluss von Enz, Nagold und Würm, rund 25 Kilometer von Karlsruhe und rund 37 Kilometer von Stuttgart entfernt, machte Pforzheim zum Verkehrs- und Marktort am Nordrand des Schwarzwalds.
Wer heute in Pforzheim nach Bauten der Kaiserzeit sucht, findet nur wenige. Am 23. Februar 1945 zerstörten 379 britische Bomber innerhalb von 22 Minuten rund 98 Prozent des Stadtzentrums; mindestens 17.600 Menschen kamen ums Leben. Auch das spätklassizistische Empfangsgebäude des Bahnhofs von 1861 ging dabei unter; an seine Stelle trat 1958 ein Neubau nach Entwurf von Helmuth Conradi. Das Stadtbild der Goldstadt aus der Zeit vor 1918 ist damit weitgehend nur noch über Archivgut und Fotografien nachvollziehbar.
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