Standorte im Deutschen Kaiserreich (Stand 1914)
Nicht jeder Ort, der in militärischen Verzeichnissen des Kaiserreichs auftaucht, war eine Garnison. Diese Übersicht sammelt die Standorte, bei denen die Prüfung ergeben hat, dass zwischen 1871 und 1918 keine Truppe dauerhaft stationiert war — und erklärt, warum sie trotzdem in den Listen stehen.
Der häufigste Grund ist das Bezirkskommando: eine reine Verwaltungsbehörde, die gemeinsam mit den Zivilbehörden Musterung und Aushebung abwickelte, den Beurlaubtenstand überwachte und Ausrüstung verwahrte. Ein solches Kommando ließ einen Ort in den Verzeichnissen des Heeres erscheinen, begründete aber keine Garnison. Eine dritte Gruppe bilden die Truppenübungsplätze: Sie erscheinen in den Verzeichnissen, weil dort eine Platzkommandantur saß — doch die Belegung wechselte mit dem Übungsjahr, und in der Friedensgliederung der Armeekorps kommen sie nicht vor. Die Unterscheidung ist ortsgenau: Auf Döberitz, Jüterbog, Lockstedt, Grafenwöhr, in der Senne und bei Zossen lagen sehr wohl ständige Verbände — diese Plätze fehlen deshalb in dieser Liste. Eine Stufe über dem Bezirkskommando steht die Landwehr-Inspektion, die Aufsichtsbehörde über mehrere Bezirkskommandos — auch sie brachte Beamte und Offiziere in einen Ort, aber keine Truppe. Daneben gibt es Sonderfälle wie ein monatlich wechselndes Wachkommando aus einer Nachbargarnison, das an einer fürstlichen Residenz den Wachdienst versah.
Bemerkenswert ist, wen diese Liste enthält: Neun Industriestädte des Ruhrgebiets und des Bergischen Landes stehen darin — Dortmund, Essen, Bochum, Duisburg, Gelsenkirchen, Hagen, Recklinghausen, Elberfeld, Barmen, Solingen und Rheydt. Dass dies kein Zufall war, zeigt ein zeitgenössischer Beleg: Zum 1. Oktober 1907 richtete das VII. Armee-Korps eigens für die stark bevölkerten Industriebezirke zwei Landwehr-Inspektionen in Dortmund und Essen ein, denen die Bezirkskommandos Dortmund, Bochum, Hagen, Gelsenkirchen und Recklinghausen unterstanden. Das Heer baute im Revier also einen eigenen Verwaltungsapparat auf — gerade weil dort keine Truppen lagen. Ob die Armee Standorte im Revier aus politischen Gründen mied, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht belegen und bleibt offen. Der Artikel Industriestädte ohne Garnison stellt den Befund im Zusammenhang dar. Das Industrierevier, das die Rüstung des Reiches belieferte, war im Frieden fast truppenleer. Manche dieser Orte waren militärisch dennoch bedeutsam — nur eben nicht als Truppenstandort: Rottweil etwa beherbergte die Pulverfabrik Duttenhofers, die im Ersten Weltkrieg zusammen mit dem Kölner Werk einen Großteil des deutschen Pulverbedarfs deckte. Wer hier nach Kasernen sucht, sucht vergebens; wer nach Rüstungsgeschichte sucht, wird fündig.
Der 1906 vom Reichstag beschlossene Übungsplatz des preußischen XI. Armee-Korps lag auf gothaischem Gebiet — ein preußisch genutzter Platz in einem thüringischen Herzogtum. Ständig vor Ort war nur die Platzkommandantur; ab August 1914 Kriegsgefangenenlager mit rund 10.000 Gefangenen, 654 Tote ruhen auf dem Lagerfriedhof.
Großer Übungsplatz in Masuren (ab 1891, I./XX. Armee-Korps) mit bloßer Platzkommandantur; im September 1914 Schauplatz des Gefechts von Arys. Heute ist Orzysz als Poligon durchgehend Militärstandort geblieben.
Übungsplatz des VIII. Armee-Korps in der Eifel (1893–1895, Barackenlager für rund 5.000 Mann), nur Platzkommandantur. Seit 1920 belgisch — Camp Elsenborn ist heute der meistgenutzte Übungsplatz der belgischen Armee.
Übungsplatz des XVII. Armee-Korps in Westpreußen, Kommandantur dem Kriegsministerium unterstellt. Ab 1914 großes Kriegsgefangenenlager vor allem für russische Soldaten; der Lagerfriedhof im heutigen Czarne ist erhalten.
Fußartillerie-Schießplatz bei Köln mit bloßer Kommandantur — die oft behauptete Rolle für Kruppsche Geschützabnahmen ist eine Verwechslung mit dem Krupp-Schießplatz Meppen. Auf dem Gelände liegen heute Flughafen Köln/Bonn und Luftwaffenkaserne Wahn.
Saisonal belegter Schieß- und Übungsplatz des VI. Armee-Korps (ab 1864). Prägend wurden die Kriegsgefangenenlager 1870/71 und 1914–1920 mit rund 90.000 Gefangenen und etwa 7.000 Toten — heute Nationale Gedenkstätte Łambinowice mit dem Zentralen Kriegsgefangenenmuseum.
Der 1893–1895 angelegte Truppenübungsplatz des IV. Armee-Korps in der Provinz Sachsen. Ständig vor Ort war allein die Kommandantur, die nicht zur Korpsgliederung gehörte, sondern dem Kriegsministerium unterstand; die Belegung wechselte mit dem Übungsjahr. In den Ausgangsdaten stand der Ort als „Alten“ — der Name war beim Einlesen am Bindestrich abgeschnitten worden.
Truppenübungsplatz des XVII. Armee-Korps im Kreis Schwetz, Westpreußen, ab 1900 aus fünf Gemeinde- und Gutsbezirksflächen gebildet. Auch hier nur eine Platzkommandantur: In der Friedensgliederung des Korps liegen sämtliche Regimenter in Danzig, Graudenz, Thorn, Kulm, Stolp, Marienwerder, Preußisch Stargard und Schwetz — Gruppe kommt nicht vor.
Kreisstadt in der Provinz Posen, heute Szamotuły. Meyers Orts- und Verkehrslexikon führt für 1912 allein ein Bezirkskommando; in der Friedensgliederung des V. Armee-Korps erscheint der Ort nicht.
Kreisstadt in Westpreußen, heute Wałcz. Die Garnisonsliste von 1913/14 führt für die Stadt allein ein Bezirks-Kommando. Der Ort fehlte in unseren Daten ganz, weil sein Name mit dem von Deutsch-Eylau zu einem einzigen Eintrag „Deutsch“ verschmolzen war.
Kein Truppenteil in der Friedensgliederung 1914. Bezeichnend ist das Kriegerdenkmal am Stadtpark: Es gilt dem in Metz stationierten Infanterie-Regiment Nr. 67 und wurde 1935 in Bochum errichtet, weil viele Mannschaften aus dem Revier stammten — Kontingent und Garnison fielen hier auseinander. Garnison wurde die Stadt erst 1936.
Trotz des größten Binnenhafens Europas kein Truppenstandort; belegt ist nur das Bezirkskommando. Auch der Rhein begründete nichts — die Pionier-Bataillone des VII. Armee-Korps lagen gemeinsam in Köln-Riehl. Erste Truppen 1936, erste Kaserne 1937.
Kein Verband der Friedensgliederung 1914, nur ein Bezirkskommando als Wehrersatzbehörde. Sämtliche Wuppertaler Kasernen stammen aus den Jahren 1936–1938.
Bezirkskommando unter der Landwehr-Inspektion Düsseldorf, aber nie Truppenstandort. Garnison wurde das Tal erst am 15. März 1938.
Die „Stadt der tausend Feuer" wuchs im Kaiserreich rasant — Militär kam allein als verlegte Ordnungsmacht bei den Streiks von 1889 und 1912. Die erste Kaserne entstand 1934/35 mit dem Fliegerhorst auf der Berger Mark.
Kein Verband der Friedensgliederung, nur das Bezirkskommando. Ortsbezug hat allein das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 57, das im August 1914 aus dem Ersatzbezirk Hagen mobilgemacht wurde — eine Kriegsformation.
Die Klingenstadt lieferte Säbel, Degen und Seitengewehre an das Heer — die Abnahme besorgten jedoch periodisch anreisende Revisoren mit dem Kronenstempel, kein Standort. Das Bezirkskommando saß von 1893 bis 1918 im Rathaus Dorp. Solingen wurde nie Truppenstandort, auch später nicht.
Die örtliche Rede von der „Garnisonstadt seit 1873" beruht allein auf der Verlegung des Landwehrbezirkskommandos aus Borken. Die 5.000 Soldaten des Bergarbeiterstreiks vom März 1912 rückten für wenige Tage ein; keine Einheit blieb, keine Unterkunft wurde gebaut.
Weder Rheydt noch das benachbarte München-Gladbach erscheinen in der Friedensgliederung 1914. Belegt ist das 1899 aus Erkelenz verlegte Königliche Bezirkskommando mit eigenem Bau von 1900 am Markt, heute Teil des Rheydter Rathauses.
Sitz der Firma Krupp, des größten Rüstungslieferanten des Reiches — und trotzdem keine Garnison. Nachweisbar sind allein Landwehrinspektion und Landwehrbezirkskommando als Verwaltungsbehörden; Landsturm-Bataillone entstanden erst im September 1914. Wie wenig Militär vor Ort war, zeigt ein Vorgang von 1889: Truppen mussten eigens angefordert werden und trafen erst am Folgetag ein. Eine Kaserne der Kaiserzeit gibt es in Essen nicht, weil nie eine gebaut wurde.
Die größte Stadt Westfalens hatte im Kaiserreich keinen Truppenteil: In der Friedensgliederung 1914 des VII. Armee-Korps ist bei keiner der beiden Divisionen eine Dortmunder Einheit verzeichnet. Belegt ist nur die Landwehr-Inspektion — die Aufsichtsbehörde über mehrere Bezirkskommandos. Garnison wurde Dortmund erst 1935; sämtliche Kasernen der Stadt stammen aus der Zeit nach 1918.
Residenz des Fürstentums Reuß älterer Linie. Statt einer Garnison versah ein monatlich wechselndes Wachkommando des Infanterie-Regiments Nr. 96 aus Gera die Hauptwache am Burgplatz — belegt von 1866 bis zum Ersten Weltkrieg.
Weinbau- und Tuchstadt (heute Zielona Góra) ohne Friedensgarnison; der Ort unterstand dem Bezirkskommando in Neusalz.
Goldstadt der Schmuck- und Uhrenindustrie im Bereich des XIV. Armee-Korps — weder Garnison noch Kaserne; ein Bezirkskommando ist ab 1913 belegt.
Kur- und Badeort im Fürstentum Waldeck-Pyrmont ohne Garnison; das waldeckische Kontingent lag als III. Bataillon des preußischen Infanterie-Regiments Nr. 83 in Arolsen.
Keine Garnison: Sitz eines Königlichen Bezirkskommandos der Landwehr und Standort der Pulverfabrik Max Duttenhofers, die rauchschwaches Pulver für das Heer lieferte.