Solingen gilt bis heute als Klingenstadt, und für die militärische Ausrüstung des Deutschen Reiches war das keine Werbeformel. Seitengewehre, Säbel, Degen und Faschinenmesser für die preußische und später die deutsche Armee kamen zu einem erheblichen Teil aus den Solinger Schleifkotten und Fabriken, von Firmen wie Weyersberg, Kirschbaum & Co., Alexander Coppel oder der Waffenfabrik Carl Eickhorn. Aus dieser industriellen Rolle wird häufig geschlossen, Solingen sei auch militärischer Standort gewesen. Die Friedensgliederung von 1914 spricht dagegen: In der Aufstellung des zuständigen VII. Armeekorps taucht Solingen nicht als Garnison eines Truppenteils auf, sondern nur als Sitz eines Bezirkskommandos.
Der Verwaltungsrahmen war eindeutig. Solingen gehörte zum Königreich Preußen, Rheinprovinz, Regierungsbezirk Düsseldorf, und war seit 1896 kreisfreie Stadt; 1905 zählte sie rund 45.500 Einwohner und lag damit auf Platz 91 der Städte des Reiches. Militärisch fiel das Bergische Land in den Bezirk des VII. Armeekorps mit dem Generalkommando in Münster. Die für den Raum zuständige 14. Division stand in Düsseldorf. Ihre Regimenter und Bataillone lagen 1914 in Köln, Düsseldorf, Mülheim an der Ruhr, Geldern, Wesel, Kleve und Krefeld — Solingen ist in dieser Liste nicht enthalten, ebenso wenig wie in der Gliederung der 13. Division oder der Korpstruppen.
Was stattdessen in Solingen saß, war eine Behörde. Das Bezirkskommando führte die Kontrolle über Reservisten, Landwehr- und Landsturmpflichtige, wickelte Musterung und Einberufung ab, verwahrte Bekleidung und Ausrüstung der Beurlaubten und arbeitete dabei eng mit den Landräten zusammen. Es unterstand der Landwehr-Inspektion Essen. Personal waren ein Bezirkskommandeur, einige Offiziere und Feldwebel sowie Schreibkräfte — kein Verband, der ausrückte, exerzierte oder Wache stellte. Genau diese Unterscheidung trennt Solingen von einer Garnisonsstadt: Eine Ersatzbehörde erzeugt Akten, keine Truppenpräsenz im Stadtbild.
Die Vorgeschichte dieser Behörde führt nach Gräfrath, das bis 1929 eine eigenständige Stadt war und erst dann zu Solingen kam. Das aufgehobene Kloster Gräfrath wurde am 15. Dezember 1818 preußische Kaserne; 1822 bezog die Stammbesatzung des 40. Landwehr-Bataillons das Gebäude, ein Flügel war zuvor abgebrochen worden. Die Anlage diente zugleich als Zeughaus, also als Waffendepot der Landwehr. Welche Bedeutung ein solches Depot haben konnte, zeigte der 10. Mai 1849: Solinger Aufständische holten sich dort im Zuge der Reichsverfassungskampagne Gewehre und Munition und zogen damit zum Elberfelder Aufstand. Auch das war keine Garnison im Sinne stehender Truppen, sondern eine Verwaltungs- und Vorratsstelle des Milizsystems.
Am 1. April 1893 verlegte die preußische Militärverwaltung das Bezirkskommando von Gräfrath nach Solingen und brachte es im Rathaus der 1889 eingemeindeten Stadt Dorp unter. Das Gebäude war 1884/85 nach Plänen des Architekten Otto Franz im von preußischen Behörden bevorzugten Neorenaissance-Stil errichtet worden, zweigeschossig, mit Mittel- und Seitenrisaliten und einer Turmuhr. Bis zum 1. Dezember 1918 blieb es Dienstsitz des Bezirkskommandos. Der Sprengel umfasste im 19. Jahrhundert die Kreise Solingen und Lennep sowie die Gemeinden Cronenberg und Haan des Kreises Elberfeld. In Gräfrath erinnert bis heute die Garnisonstraße — bis 1883 Freiheitstraße — an das ausgezogene Landwehr-Bataillon.
Das Verhältnis der Klingenindustrie zur Heeresverwaltung lief nicht über Kasernen, sondern über Abnahme. Blankwaffenlieferungen wurden von Revisoren geprüft, die zu festen Terminen — überliefert sind der 1. April und der 1. Oktober — nach Solingen kamen und die angenommenen Stücke mit einem Kronenstempel zeichneten. Die militärische Präsenz war damit periodisch und prüfend, nicht stationär. Eine staatliche Gewehrfabrik gab es in Solingen nie; die preußischen Gewehrfabriken lagen in Spandau, Erfurt und Danzig. Solingen war Auftragnehmer, nicht Standort — dieselbe Konstellation wie bei Krupp in Essen, wo die Rüstungsproduktion ebenfalls keine Garnison begründete.
Der Erste Weltkrieg änderte daran wenig. Nach dem Kriegsausbruch meldeten sich bis zum 3. August 1914 über 2.000 Solinger freiwillig, die Stadt stellte eine halbe Million Mark für Familien Eingezogener bereit und richtete 54 Unterstützungsbezirke ein. Die Schneidwarenindustrie konnte die Heeresnachfrage zunächst gar nicht bedienen und stellte sich erst nach und nach auf Seitengewehre, Granaten und Zünderteile um; überliefert sind Aufträge in der Größenordnung von rund zwei Millionen Mark. Als Kriegsformation entstand ein Landsturm-Bataillon Solingen, das im besetzten Belgien eingesetzt war, unter anderem im Raum Fontaine-Valmont und Thuin. Es war eine Mobilmachungsformation des Bezirkskommandos, kein Friedenstruppenteil am Ort. Die erste größere geschlossene Truppenbelegung Solingens war eine fremde: Am 14. Dezember 1918 rückten alliierte Verbände ein, Solingen gehörte fortan zur britischen Besatzungszone.
Auch danach blieb Solingen bei der Verwaltung. 1922 verkaufte die Stadt das Dorper Rathaus an die benachbarte Schneidwarenfirma Richard Abr. Herder (RAHSOL), die es heute als Verwaltungsgebäude nutzt; seit dem 10. Juli 1992 steht es unter Denkmalschutz. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen wurde Solingen 1937 Sitz eines Wehrmeldeamtes und eines Wehrbezirkskommandos — erneut Ersatzwesen, keine Truppe. Für die Wehrmachtszeit sind für Solingen lediglich Landesschützen-Einheiten verzeichnet, darunter das Landesschützen-Bataillon 488 sowie Kompanien des Landesschützen-Bataillons XIV/VI; benannte Kasernen aus dieser Zeit sind für die Stadt nicht überliefert. Ein Bundeswehrstandort ist Solingen nie geworden.
Vom militärischen Erbe der Region ist ausgerechnet das älteste Gebäude erhalten geblieben, und es hat den Bogen zurück zur Klinge geschlagen. Das Kloster Gräfrath wurde nach dem Auszug der Militärverwaltung 1896 umgebaut und beherbergte ab dem 1. April 1898 eine königlich-preußische Erziehungsanstalt für katholische Mädchen, die 1927 aus Geldmangel schloss. Von 1941 bis 1987 lag dort das Stadtarchiv, von 1948 bis 1976 zusätzlich ein städtisches Altenheim. Nach einem Umbau unter dem Architekten Josef Paul Kleihues zog am 6. Juli 1991 das Deutsche Klingenmuseum ein. Die einzige Kaserne, die der Raum Solingen im 19. Jahrhundert besaß, ist damit heute das Museum jener Waren, wegen derer die Stadt oft fälschlich für eine Garnison gehalten wird.
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