Greiz an der Weißen Elster war bis 1918 Residenzstadt des vom Haus Reuß regierten Fürstentums Reuß älterer Linie und damit Hauptort eines der kleinsten Bundesstaaten des Deutschen Reiches. Das Staatsgebiet umfasste 316,7 Quadratkilometer; für das Jahr 1910 werden 72.769 Einwohner ausgewiesen, für 1905 nennt eine zeitgenössisch gestützte Übersicht 70.603 Einwohner. Reuß älterer Linie war am 26. September 1866 dem Norddeutschen Bund beigetreten und ging 1871 im Deutschen Reich auf. Die Verfassung vom 28. März 1867 begründete die konstitutionelle Monarchie – Reuß älterer Linie vollzog diesen Schritt als letzter der thüringischen Staaten. Der Landtag zählte zwölf Abgeordnete, von denen drei der Landesherr ernannte, während die übrigen Großgrundbesitz, Städte und Landgemeinden vertraten. Regierender Fürst war von 1867 bis 1902 Heinrich XXII.; sein Nachfolger Heinrich XXIV. galt als regierungsunfähig, weshalb ab 1902 Regenten aus der jüngeren Linie – zunächst Heinrich XIV., ab 1908 Heinrich XXVII. – die Geschäfte führten.
Die Wehrverfassung des Kleinstaates beruhte auf der am 4. Februar 1867 mit Preußen geschlossenen Militärkonvention. Danach bildete das fürstlich-reußische Militär beider Linien gemeinsam mit weiteren thüringischen Kontingenten das 7. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 96, das zum 1. Oktober 1867 neu formiert wurde. Als beteiligte Staaten werden neben den beiden reußischen Fürstentümern Sachsen-Altenburg und Schwarzburg-Rudolstadt genannt. Ein eigenständiges reußisches Heer bestand damit nicht mehr; Aushebung, Ausbildung, Bewaffnung und Rechtspflege folgten preußischem Muster, die Landeshoheit über die Truppe war an die preußische Militärverwaltung übergegangen.
Eine Garnison im eigentlichen Sinne besaß Greiz in der Kaiserzeit nicht. Das Bataillon, in dem das Kontingent aufging, lag in Gera; von dort wurde allmonatlich ein kleines Detachement nach Greiz abgeschickt. Dieses Kommando versah den Wachdienst an der Hauptwache am Burgplatz, der sogenannten Alten Wache, die 1819 unter Fürst Heinrich XIX. in klassizistischer Schlichtheit errichtet worden war; ihr vorgezogener Giebel ruht auf vier dorischen Säulen und trägt das fürstliche Wappen mit den Initialen H XIX FR. Bis 1866 hatte dort das Militär von Reuß-Greiz Wache gestanden, von 1866 bis zum Ersten Weltkrieg übernahm ein Kommando des Geraer Infanterie-Regiments Nr. 96 diese Aufgabe. Kasernenbauten, ein ortsfester Truppenteil oder ein Exerzierplatz sind für Greiz nicht überliefert. Der militärische Charakter der Residenz beschränkte sich somit auf den repräsentativen Wachdienst am Sitz des Landesherrn. Mit der Novemberrevolution 1918 verlor die Wache ihren Zweck; das Gebäude am Burgplatz 2 dient heute als Trauungssaal des Greizer Standesamtes.
Das bauliche Gepräge der Residenz bestimmten zwei Schlösser. Das Obere Schloss auf dem Felssporn über der Stadt ist im Kern mittelalterlich; nach einem Brand von 1540 wurde es im Stil der Renaissance wiederaufgebaut und im 18. Jahrhundert weiter ausgebaut. Das Untere Schloss entstand im 16. Jahrhundert und erhielt nach dem Großbrand vom 6. April 1802, dem etwa 430 Gebäude – darunter 237 Bürgerhäuser – zum Opfer fielen, bis 1809 eine klassizistische Neugestaltung. Hinzu trat das zwischen 1779 und 1789 frühklassizistisch errichtete Sommerpalais, das Fürst Heinrich XI. in einer Giebelinschrift als Maison de belle retraite bezeichnete; es beherbergt heute die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung sowie das Satiricum. Der Fürstlich Greizer Park von rund 50 Hektar geht auf einen um 1650 angelegten Küchengarten zurück und erhielt seine heutige Gestalt in den Jahren 1873 bis 1876 als Landschaftspark englischen Zuschnitts; die Planung lag ab 1872 bei Carl Eduard Petzold, die Ausführung besorgte in abgewandelter Form Rudolph Reinecken. Der etwa acht Hektar große Binsenteich bildet die Mitte der Anlage, die seit 2009 als Kulturdenkmal von nationalem Rang geführt wird.
Wirtschaftlich wurde Greiz im 19. Jahrhundert aus der ansässigen Zeugmacherei heraus zu einem bedeutenden Industriestandort. Bereits 1811 entstand eine Maschinenspinnerei, 1862 wurden die ersten vier mechanischen Webstühle aufgestellt. Vor allem ab 1864 errichtete man zahlreiche größere mechanische Woll- und Seidenwebereien, die sich auf hochwertige Kostüm-, Kleider- und Anzugstoffe aus Kammgarn und Seide spezialisierten. Für 1892 sind 11.205 mechanische Webstühle unterschiedlichen Typs in Betrieb nachgewiesen; 1896 standen in rund 70 Webereien 12.406 Webstühle. Der daraus erwachsende Wohlstand konzentrierte sich in einer schmalen Unternehmerschicht: Für 1902 werden elf Millionäre unter den Greizer Fabrikanten angeführt. Das Nebeneinander kleiner Weberhäuser und aufwendiger Fabrikantenvillen prägt das Stadtbild bis heute.
Die Bevölkerungsentwicklung folgte dem industriellen Aufschwung. Zählte Greiz um 1800 noch etwa 4.000 und 1833 rund 5.600 Einwohner, so waren es 1885 bereits 17.288 und 1905 dann 23.114; bis 1931 stieg die Zahl auf 39.281. Voraussetzung dieses Wachstums war der Anschluss an das Eisenbahnnetz: 1865 wurde die Stadt an das sächsische Netz angebunden, 1875 folgte die Verbindung zur Thüringisch-Sächsischen Strecke, der Elstertalbahn. Damit war der Absatz der Greizer Stoffe an die überregionalen Märkte gesichert.
Die Novemberrevolution beendete die Herrschaft des Hauses Reuß in Greiz. Reuß älterer Linie wurde 1918 Freistaat; 1919 schloss es sich mit Reuß jüngerer Linie zum Volksstaat Reuß zusammen, dessen Hauptstadt nunmehr Gera war. Greiz verlor damit nach Jahrhunderten seine Funktion als Residenz. 1920 ging der Volksstaat Reuß im neu gebildeten Land Thüringen auf, dessen Hauptstadt Weimar wurde. Schlösser, Sommerpalais und Park blieben als bauliches Erbe der Residenzzeit erhalten; die Sammlungen des Hauses Reuß gingen in staatliche Obhut über.
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