Gera war seit 1564 Residenzstadt der jüngeren reußischen Linie und im 19. Jahrhundert durch die Wollwarenindustrie – um 1900 über dreißig Fabriken – eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands. Militärisch blieb der Ort dagegen auffallend klein dimensioniert. In den 45.634 Einwohnern des Jahres 1900 war die gesamte Garnison enthalten, und die bestand aus einem einzigen Infanteriebataillon. Eine Stadt dieser Größe mit nur einem Bataillon war im Kaiserreich die Ausnahme; sie erklärt sich aus der Kleinheit des Staates, dessen Truppen Gera stellte.
Vor 1867 unterhielten beide reußischen Fürstentümer gemeinsam ein Infanteriebataillon von 745 Mann. 1854 wurde die Friedensstärke auf sechs Kompanien erhöht: Reuß ältere Linie stellte eine Jägerabteilung zu zwei, Reuß jüngere Linie ein Bataillon zu vier Kompanien. Im Bundesheer gehörte das Kontingent zum 12. Bataillon der Reservedivision. Die im Frieden nicht kriegsstarken Kompanien lagen verteilt in Gera, Greiz, Schleiz und Ebersdorf – eine Streuung, die weniger militärischer Logik folgte als der Struktur der beiden Fürstentümer mit ihren mehreren Residenzorten.
Die militärische Eigenständigkeit endete 1867. Die beiden Reuß schlossen dabei keine eigene Militärkonvention mit Preußen ab, sondern traten der zwischen Preußen und dem Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach am 4. Februar 1867 geschlossenen Konvention nebst Protokoll vom 22. Februar 1867 bei. Denselben Weg gingen Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen. Eine Fachdarstellung zur Uniformierung datiert den reußischen Beitritt auf den 26. Juni 1867. Wirksam wurde die Neuordnung mit dem 1. Oktober 1867, dem Stiftungstag des neuen Regiments.
Aus den Kontingenten des Herzogtums Sachsen-Altenburg, des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt und der beiden reußischen Fürstentümer entstand an diesem Tag das 7. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 96. Es war ein zusammengesetzter Verband, in dem jedes Bataillon eine andere Herkunft hatte. Das II. Bataillon war das reußische und lag von 1867 an in Gera. Das Füsilier- beziehungsweise III. Bataillon bezog Garnison in Rudolstadt; sein Kommandeur war der regierende Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt. Der Regimentsstab saß zunächst in Altenburg. Nachdem Sachsen-Altenburg aus dem Regiment ausgeschieden war und 1897 sein eigenes 8. Thüringisches Infanterie-Regiment Nr. 153 erhielt, lag das I. Bataillon des Regiments 96 in Naumburg.
Verwaltungsmäßig gehörte das Regiment seit seiner Gründung zum IV. Armeekorps mit Sitz in Magdeburg. Am 1. April 1899 wechselte es zum XI. Armeekorps in Kassel und bildete dort mit dem 5. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 94 die 83. Infanterie-Brigade der 38. Division; der Brigadestab lag in Erfurt. Die Friedensgliederung von 1914 verzeichnet das Regiment schlicht mit den Standorten Gera und Rudolstadt.
Untergebracht war das Geraer Bataillon zunächst in einer seit März 1849 genutzten älteren Kaserne, die um die Jahrhundertwende als überaltert galt. Auf dem Flurstück Alter Markt am Fuß des Steinertsberges entstand daraufhin ein Neubau für zwei Bataillone. Das II. Bataillon bezog die neuen Räume am 1. Oktober 1906, die Einweihung fand am 4. November 1906 statt. Drei Jahre später wurde Gera zum vollen Regimentsstandort: Am 30. September 1909 verlegte der Regimentsstab von Altenburg hierher, am 1. Oktober 1909 rückte das bis dahin in Naumburg stehende I. Bataillon in die neuen Bauten ein. Auch die Maschinengewehrkompanie lag in Gera.
Eine Geraer Besonderheit war der Wachdienst in der Nachbarresidenz Greiz, dem Sitz der älteren reußischen Linie. Die dortige Hauptwache am Burgplatz, die 1819 unter Fürst Heinrich XIX. errichtete „Alte Wache“, wurde bis 1866 vom Militär Reuß-Greiz besetzt. Danach übernahm ein Kommando aus Gera diese Aufgabe und behielt sie bis zum Ersten Weltkrieg. Die Ablösung erfolgte monatlich: Von dem in Gera stehenden Bataillon wurde allmonatlich ein kleines Detachement nach Greiz abgeschickt. Das Gebäude dient heute als Trauungssaal des Greizer Standesamtes.
Die Zugehörigkeit zu den Fürstentümern blieb im Regiment sichtbar, auch nachdem die Kommandogewalt an Preußen übergegangen war. Das II. Bataillon trug an Helm und Mütze neben der Reichskokarde die schwarz-rot-goldene Landeskokarde der beiden reußischen Linien, das III. Bataillon die schwarzburg-rudolstädtische. Die Fürsten von Reuß jüngerer Linie behielten keine Befehlsgewalt über ihr früheres Kontingent, sondern preußische Ehrenstellungen: Heinrich XIV. führte zuletzt den Dienstgrad eines Generals der Infanterie, sein Sohn Heinrich XXVII. seit dem 13. September 1911 den Charakter als General der Kavallerie; im Ersten Weltkrieg war er dem Generalkommando des XI. Armeekorps zugeteilt.
Am 1. August 1914 erhielt das Regiment den Mobilmachungsbefehl. Nach dem Krieg wurde es aufgelöst; das III. Bataillon kehrte im Januar 1919 mit rund hundert Mann nach Rudolstadt zurück. Die Kasernenanlage am Steinertsberg verlor ihre militärische Bestimmung, und schon 1920 bestand am Gelände der „ehemaligen 96er Kaserne“ eine kleine Gartenanlage des Gemeinnützigen Schrebergartenvereins Gera; die Nachfrage nach Parzellen war so groß, dass sich rund fünfhundert Bewerber meldeten. Der Straßenzug der späteren Gerhart-Hauptmann-Straße lag damals noch unbebaut vor dem Kasernengelände.
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