Recklinghausen war seit dem 12. Jahrhundert Hauptort des kurkölnischen Vests Recklinghausen, kam 1803 an das Herzogtum Arenberg, 1811 an das napoleonische Großherzogtum Berg und 1815 endgültig an Preußen, wo es Sitz eines Kreises in der Provinz Westfalen wurde. Militärisch bedeutungslos blieb der Ort auch dann. Was ihn im Kaiserreich veränderte, war die Kohle: Ab 1869 erreichte der Steinkohlenbergbau das Stadtgebiet, 1873 begann die Zeche General Blumenthal zu fördern, 1872 bis 1889 entstand König Ludwig, 1884 kam Recklinghausen II in Hochlarmark hinzu. Die Einwohnerzahl stieg von rund 5.000 im Jahr 1870 auf etwa 14.000 im Jahr 1890, auf 34.000 um 1900 und auf rund 50.000 im Jahr 1910. Zum 1. April 1901 schied die Stadt aus dem Kreis aus und wurde kreisfrei, blieb aber Kreissitz. Eine Stadt dieser Größenordnung hätte in vielen preußischen Provinzen selbstverständlich Truppen beherbergt. Recklinghausen bekam keine.
Der Prüfstein ist die Friedensgliederung des VII. Armeekorps mit Generalkommando in Münster, dem die Stadt zugehörte. Zur 13. Division in Münster gehörten 1914 das Infanterie-Regiment Nr. 13 in Münster, das 7. Lothringische Infanterie-Regiment Nr. 158 in Paderborn und Senne, das Infanterie-Regiment Nr. 15 in Minden, das Infanterie-Regiment Nr. 55 in Detmold, Höxter und Bielefeld, das Kürassier-Regiment Nr. 4 in Münster, das Husaren-Regiment Nr. 8 in Schloß Neuhaus und Paderborn sowie die Feldartillerie-Regimenter Nr. 22 (Münster) und Nr. 58 (Minden). Die 14. Division in Düsseldorf verteilte sich auf Köln, Mülheim an der Ruhr und Geldern, Wesel, Kleve, Krefeld und Düsseldorf. Die Korpstruppen lagen in Bückeburg (Jäger-Bataillon Nr. 7), Köln (Fußartillerie-Regiment Nr. 7) und Köln-Deutz (Pionier-Bataillon Nr. 7). Recklinghausen kommt in keiner dieser Aufstellungen vor.
Statt einer Truppe hatte die Stadt eine Behörde. 1873 wurde das Landwehrbezirkskommando von Borken nach Recklinghausen verlegt, wo es 1889 in das Bezirkskommando Recklinghausen überging. Auf diese Verlegung geht die örtliche Rede von der Garnisonstadt seit 1873 zurück. Ein Bezirkskommando war jedoch kein Truppenteil, sondern die untere Militärverwaltungsbehörde des Ersatzwesens: Es führte die Musterungen durch, überwachte die Beurlaubten und Reservisten, verwaltete die Gestellungsbefehle und arbeitete dabei eng mit dem Landrat zusammen. An seiner Spitze standen ein Stabsoffizier mit Adjutanten und ein Bezirksoffizier, insgesamt eine Handvoll Männer. Das Kommando saß bis 1918 in gemieteten Räumen und wechselte mehrfach die Adresse. Dieses Detail ist aussagekräftiger als jede Aufstellung: Für eine Dienststelle, die man in Mietwohnungen unterbringt und alle paar Jahre umzieht, baut man keine Kaserne.
Der Verwaltungsrahmen wurde 1907 verdichtet, und zwar ausdrücklich wegen der Bevölkerungsexplosion im Revier. Zum 1. Oktober 1907 richtete das VII. Armeekorps zwei Landwehr-Inspektionen in Dortmund und Essen ein, die – so die zeitgenössische Formulierung – in den stark bevölkerten Industriebezirken an die Stelle der bislang damit beauftragten Brigadekommandeure traten, nach dem Vorbild der Landwehr-Inspektion Berlin beim III. Armeekorps. Der Landwehr-Inspektion Dortmund wurden die Bezirkskommandos I und II Dortmund, I und II Bochum, Hagen, Gelsenkirchen und Recklinghausen unterstellt, der Landwehr-Inspektion Essen die Bezirkskommandos Düsseldorf, Duisburg, I und II Essen, Mülheim an der Ruhr, Barmen und Elberfeld. Alle übrigen Bezirkskommandos des Korpsbereichs blieben Brigadekommandos unterstellt. Das Revier bekam also eine eigene, dichtere Ersatzverwaltung – aber Verwaltung, keine Truppe.
Soldaten sah Recklinghausen im Kaiserreich trotzdem, allerdings als Gäste auf Zeit. Während des Bergarbeiterstreiks vom 11. bis 20. März 1912 rückten am 14. März etwa 5.000 Soldaten in die Kreise Dortmund, Hamm und Recklinghausen ein. Wilhelm II. hatte dem preußischen Innenminister zuvor den Schutz der Arbeitswilligen in energischster Form und notfalls scharfes Schießen aufgetragen. Bei Zusammenstößen mit Militär und Polizei kamen vier Arbeiter ums Leben, die Streikfront brach zusammen. Diese Verlegung war ein Ordnungseinsatz von wenigen Tagen, kein Garnisonswechsel: Die Verbände kamen von auswärts, wurden behelfsmäßig untergebracht und zogen nach dem Ende des Streiks wieder ab. Weder blieb eine Einheit zurück, noch wurde daraufhin eine Unterkunft gebaut. Wer Truppen auf der Straße mit einer Garnison verwechselt, macht aus einem Streikeinsatz eine Stationierung.
Warum das Militär im dicht besiedelten Kohlerevier so wenig präsent war, lässt sich anhand der greifbaren Quellen nicht abschließend erklären. Die häufig zu lesende These, die Armee habe Garnisonen in Bergarbeiterstädten bewusst gemieden, um ihre Rekruten von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung fernzuhalten, ließ sich nicht belegen. Nachprüfbar ist nur der Befund selbst: Das VII. Armeekorps hielt seine Verbände in den alten Verwaltungs- und Festungsstädten Münster, Minden, Paderborn, Wesel, Köln und Düsseldorf, während die Industriestädte des Reviers weitgehend truppenfrei blieben. Mülheim an der Ruhr mit dem 8. Lothringischen Infanterie-Regiment Nr. 159 ist eine der wenigen Ausnahmen und zeigt, dass die Regel keine ausnahmslose war.
Nach 1918 blieb der Abstand zum Militär zunächst bestehen, die Gewalt aber nicht aus. Im Ruhraufstand rückten am 20. März 1920 rund 800 Angehörige der Roten Ruhrarmee in die Stadt ein; angesichts der von Norden vorstoßenden Regierungstruppen zogen sie sich am 1. April wieder zurück. Von 1923 bis 1925 war Recklinghausen im Zuge der Ruhrbesetzung von französischen Truppen besetzt. Beides waren Besetzungen und Aufstandsbekämpfung, keine Standortgeschichte. Erst 1935, mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, entstand wieder eine Militärbehörde am Ort: Das neue Wehrbezirkskommando bezog das frühere Gebäude einer Bergwerksverwaltung am Elper Weg und arbeitete dort bis 1945.
Im Zweiten Weltkrieg verzeichnet die Überlieferung für den Standort Recklinghausen mehrere Flak-Abteilungen (322, 445, 524, 604), die Flakscheinwerfer-Abteilung 248 und die III. Abteilung des Flakscheinwerfer-Regiments 611, dazu ein Landesschützen-Bataillon und ein Fallschirm-Jäger-Bataillon Recklinghausen. Nach der eigenen Darstellung der Stadt blieb sie gleichwohl kein ständiger Truppenstandort, sondern diente vor allem als Einquartierungsraum – nach dem Polenfeldzug als Aufmarschgebiet für den Angriff auf Frankreich und Belgien, mit einer Kapazität von etwa 200 bis 300 Offizieren, 6.000 bis 8.500 Mannschaften und 600 bis 800 Pferden. Genau daraus folgt, was heute im Stadtbild fehlt: Recklinghausen hat kein Kasernenviertel aus der Kaiserzeit, keinen ehemaligen Exerzierplatz, kein früheres Offizierskasino. Während anderswo Wilhelminische Kasernen zu Hochschulcampus, Behördenzentren oder Wohnquartieren umgebaut wurden, besteht das militärische Erbe der Kaiserzeit hier aus Musterungsakten.
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