Gelsenkirchen im Kaiserreich

Königreich Preußen
Bezirkskommando der Landwehr

Königreich

Truppengattung

Koordinaten

51.5110° N, 7.0960° O

Heutiger Name

Gelsenkirchen

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Über Gelsenkirchen

Gelsenkirchen gehörte im Kaiserreich zu den am schnellsten wachsenden Städten Preußens – und blieb dennoch ohne Garnison. Die Friedensgliederung 1914 des VII. Armee-Korps, dessen Generalkommando in Münster saß und dessen Bezirk die Provinz Westfalen sowie Teile der nördlichen Rheinprovinz umfasste, verzeichnet keinen einzigen Truppenteil mit dem Standort Gelsenkirchen. Weder unter der 13. Division in Münster noch unter der 14. Division in Düsseldorf taucht die Stadt auf. Wer nach Soldaten in Gelsenkirchen sucht, findet für die Jahre 1871 bis 1918 eine Behörde, aber keine Truppe.

Die Garnisonen des Korps lagen anderswo: Die 13. Division stützte sich auf Münster (Infanterie-Regiment Nr. 13, Kürassier-Regiment Nr. 4, Feldartillerie-Regiment Nr. 22), Minden (Infanterie-Regiment Nr. 15, Feldartillerie-Regiment Nr. 58), Paderborn und die Senne (Infanterie-Regiment Nr. 158), Detmold, Höxter und Bielefeld (Infanterie-Regiment Nr. 55) sowie Schloß Neuhaus (Husaren-Regiment Nr. 8). Die 14. Division lag in Köln (Infanterie-Regimenter Nr. 16 und Nr. 53), Düsseldorf (Füsilier-Regiment Nr. 39, Ulanen-Regiment Nr. 5), Wesel und Kleve (Infanterie-Regimenter Nr. 56 und Nr. 57, Feldartillerie-Regimenter Nr. 7 und Nr. 43), Krefeld (Husaren-Regiment Nr. 11) und in Mülheim an der Ruhr mit Geldern (Infanterie-Regiment Nr. 159). Dazu kamen das Jäger-Bataillon Nr. 7 in Bückeburg, Fußartillerie und Pioniere in Köln sowie der Train in Münster.

Auffällig ist, was in dieser Liste fehlt: die gesamte Emscherzone. Nicht nur Gelsenkirchen, auch Bochum, Herne, Wattenscheid, Buer, Dortmund und Essen hatten 1914 keinen aktiven Truppenteil. Die nächstgelegene Garnison war Mülheim an der Ruhr, rund fünfundzwanzig Kilometer entfernt; danach folgten Wesel, Düsseldorf und Münster. Das Militär hielt sich an die alten Festungs-, Residenz- und Verwaltungsstädte am Rhein, an der Lippe und im Münsterland. Die Industriestädte des Ruhrgebiets, die erst in wenigen Jahrzehnten entstanden waren, blieben Ersatz- und Rekrutierungsraum, nicht Standort.

Was Gelsenkirchen stattdessen besaß, war ein Landwehrbezirk mit eigenem Bezirkskommando. Er gehört zu den Bezirken, die erst nach 1889 neu eingerichtet wurden – eine unmittelbare Folge des Bevölkerungswachstums im Revier, wo einzelne Landwehrbezirke die Zahl der Wehrpflichtigen nicht mehr bewältigen konnten. Ein Bezirkskommando war eine Militärverwaltungsbehörde: Es führte die Musterung durch, stellte die Rekruten, überwachte Reservisten, Landwehr- und Landsturmpflichtige und verwahrte deren Bekleidung und Ausrüstung. Geführt wurde es in der Regel von einem inaktiven Stabsoffizier mit wenigen Beamten und Schreibern. Ein solches Kommando begründet keine Garnison; es ist Aktenarbeit, keine Truppe.

Damit fallen Kontingent und Standort in Gelsenkirchen weit auseinander. Die Wehrpflichtigen der Stadt – Bergleute, Hüttenarbeiter, Zugewanderte aus Ostpreußen, Masuren und Posen – wurden in Gelsenkirchen erfasst und gemustert, dienten aber in Münster, Wesel, Köln, Düsseldorf oder Minden. Dass der Ortsname Gelsenkirchen in Stammrollen, Verlustlisten und Militärakten häufig erscheint, ist deshalb kein Beleg für einen Standort, sondern für einen Ersatzbezirk. Diese Unterscheidung erklärt einen guten Teil der Verwechslungen, die in populären Darstellungen zur Militärgeschichte des Ruhrgebiets kursieren.

Soldaten sah die Stadt im Kaiserreich trotzdem – als verlegte Ordnungsmacht. Im Mai 1889 breitete sich der große Bergarbeiterstreik binnen Tagen über das ganze Revier aus; zeitweise streikten etwa neunzig Prozent der rund 104.000 Bergleute. Zahlreiche Zechen forderten Polizei- oder Militärschutz für ihre Anlagen und für Arbeitswillige an, mehrere Arbeiter wurden erschossen. Beim Streik im März 1912 reagierten die Behörden noch härter: Wilhelm II. verlangte vom preußischen Innenminister „Scharfschießen!“, und am 14. März 1912 rückten etwa 5.000 Soldaten in die Kreise Dortmund, Hamm und Recklinghausen ein, während der Düsseldorfer Regierungspräsident Militärhilfe ablehnte. Vier Arbeiter kamen bei Zusammenstößen ums Leben. Das Militär war im Revier also präsent, aber es kam von auswärts und zog wieder ab.

Der Erste Weltkrieg änderte daran nichts Grundsätzliches. Aus dem Landwehrbezirk Gelsenkirchen wurde bei der Mobilmachung ein überplanmäßiges Landwehr-Infanterie-Bataillon Gelsenkirchen aufgestellt – eine reine Kriegsformation, die ihren Namen vom Ersatzbezirk trug und nicht am Ort verblieb. In Gelsenkirchen selbst entstanden Lazaretteinrichtungen, unter anderem war der Vereinslazarettzug N 3 hier beheimatet. Wirtschaftlich war die Stadt für die Kriegführung wichtiger als militärisch: Kohle, Koks und Stahl aus dem Emscherraum hielten die Rüstungsproduktion in Gang, während die Stadt selbst unbefestigt und ohne Besatzung blieb.

Eine Kaserne bekam Gelsenkirchen erst lange nach dem Kaiserreich. Kaserne und Flugplatz entstanden 1934/35 auf der einstigen Berger Mark im Norden der Stadt, auf Ackerland zwischen Schloss Berge und der Emscher, das die Stadt zuvor vom Grafen von Westerholt erworben hatte; ursprünglich war dort ein nationalsozialistisches „Thingtheater“ geplant. 1935 zog eine Fliegerübungsstelle ein. Ab 1940 lag das Landesschützen-Bataillon 471 in Gelsenkirchen, dazu kamen im Zweiten Weltkrieg mehrere Flak- und Flakscheinwerfer-Verbände sowie ein Wehrbezirkskommando, das für die Wehrmeldebezirke Gelsenkirchen, Gladbeck und Bottrop zuständig war. Das Gelände des Fliegerhorstes ist heute vom Arena-Park mit der Veltins-Arena überbaut; in erhaltenen Kasernengebäuden am Nordrand sitzt der Ortsverband des Technischen Hilfswerks.

Zwei Widersprüche in der Überlieferung sind erwähnenswert, weil sie sich hartnäckig fortpflanzen. Der deutsche Wikipedia-Artikel zum Bergarbeiterstreik von 1889 verlegt den Streikbeginn vom 4. Mai auf die „Großschachtanlage Prosper II in Gelsenkirchen“ – die Zeche Prosper lag jedoch in Bottrop, wie der Artikel zur Zeche selbst ausweist. Und das Lexikon der Wehrmacht siedelt den in den 1930er Jahren gebauten Flugplatz „auf Schalke“ an, obwohl das Gelände im Norden der Stadt am Berger Feld lag; „Auf Schalke“ ist der Beiname des Stadions, nicht die Lage des Fliegerhorstes. Beide Fehler ändern nichts am Kernbefund, zeigen aber, wie unsicher die populäre Überlieferung zur Militärgeschichte dieser jungen Industriestadt ist.

Stationierte Einheiten und Verbände

Kasernen, Festungen und militärische Standorte

Quellen

Literatur zur Militärgeschichte

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Benachbarte Garnisonen

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