Hammerstein, heute Czarne in der polnischen Woiwodschaft Pommern, war im Kaiserreich eine Kleinstadt am Westrand des Kreises Schlochau im Regierungsbezirk Marienwerder der Provinz Westpreußen. Mit wenigen tausend Einwohnern, einer Baumwollspinnerei und Ende der 1870er Jahre gewonnenem Bahnanschluss an die Strecke von Neustettin nach Konitz war der Ort zunächst ein bescheidener Landstädtchen-Standort. Seine überregionale Bedeutung erhielt Hammerstein erst, als das preußische Militär die sandigen Heide- und Waldflächen vor der Stadt für sich entdeckte.
In den 1880er Jahren – die verbreitete Angabe nennt das Jahr 1885 – legte die preußische Armee bei Hammerstein einen Truppenübungsplatz an. Bis 1914 wuchs er auf rund 1.343 Hektar und gehörte damit zu den 31 Übungsplätzen, über die das deutsche Heer bei Kriegsbeginn verfügte. Für die kleine Stadt wurde der Platz zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor: Die während der Übungsperioden einrückenden Truppen brachten Aufträge, Quartiergäste und Kaufkraft, wie es für die Umgebung fast aller kaiserzeitlichen Übungsplätze typisch war.
Verwaltungsmäßig lag Hammerstein bis 1890 im Bereich des II. Armeekorps; mit der Aufstellung des XVII. Armeekorps mit Sitz in Danzig am 1. April 1890 kam Westpreußen zu dessen Korpsbezirk, die Ersatzverwaltung des Kreises Schlochau zum Landwehrbezirk Konitz. Der Übungsplatz selbst war dem XVII. Armeekorps zugewiesen, das dort seine Verbände zu Gefechtsschießen und größeren Übungen zusammenzog; wegen der Lage an der pommerschen Provinzgrenze übten auch Truppen des benachbarten II. Armeekorps auf dem Gelände. Die Platzkommandantur gehörte allerdings – wie bei allen Übungsplätzen des Heeres – nicht zur Korpsgliederung, sondern unterstand der Militärverwaltung des Kriegsministeriums.
Eine Friedensgarnison war Hammerstein damit nicht. Die Friedensgliederung des XVII. Armeekorps von 1914 nennt als Standorte seiner Divisionen und Korpstruppen Danzig, Thorn, Graudenz, Kulm, Deutsch Eylau und Marienburg – Hammerstein taucht in diesen Verzeichnissen nicht auf. Am Platz lagen dauerhaft nur die Kommandantur mit ihrem kleinen Verwaltungs- und Aufsichtspersonal sowie die Infrastruktur aus Barackenlager, Schießbahnen und Wirtschaftsgebäuden. Die Belegung wechselte mit dem Übungsjahr: Hammerstein folgte damit dem Muster von Plätzen wie Alten-Grabow oder Gruppe, nicht dem von Munster, wo ab 1912 ein ständiger Truppenteil stationiert war.
Vom Übungsbetrieb der Friedensjahre zeugen zahlreiche Bildpostkarten, die Soldaten seit der Jahrhundertwende aus Hammerstein in die Heimat schickten – darunter Aufnahmen von Geschützen auf dem Platz aus dem Jahr 1901, die belegen, dass neben der Infanterie auch die Artillerie das Gelände nutzte. Solche Karten dokumentieren freilich nur den saisonalen Übungsbetrieb, keine Stationierung.
Mit dem Kriegsbeginn 1914 änderte sich die Funktion des Platzes grundlegend. Auf dem Übungsgelände westlich der Stadt richtete die Heeresverwaltung eines der Mannschafts-Kriegsgefangenenlager im Bereich des XVII. Armeekorps ein. Festgehalten wurden dort vor allem Soldaten der russischen Armee, unter ihnen viele Polen aus dem russischen Teilungsgebiet; die Bewachung übernahmen ältere Landsturmleute, wie sie zeitgenössische Postkarten mit der Bildunterschrift „Deutscher Landsturm mit Russen“ zeigen. Das Lager zählte zu den größeren des Deutschen Reiches; die überlieferten Belegungsangaben schwanken erheblich und reichen bis in die Größenordnung mehrerer zehntausend Gefangener. Erhaltene Feldpost- und Paketkarten, etwa eine „Kriegsgefangenensendung“ an das „Kriegsgefangenenlager Hammerstein / Westpr.“, belegen den Alltag des Lagerverkehrs.
Viele Gefangene überlebten die Haft nicht. Enge Belegung, harte Arbeit und Infektionskrankheiten forderten in den deutschen Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs insgesamt zehntausende Tote, und auch in Hammerstein entstand ein eigener Lagerfriedhof. Er ist bis heute erhalten und steht in Polen unter Denkmalschutz; ein Betondenkmal mit russischem Stahlhelm und Inschriften in kyrillischer und lateinischer Schrift erinnert an die verstorbenen Gefangenen der Zarenarmee. Verlässliche amtliche Opferzahlen für das Lager des Ersten Weltkriegs fehlen; polnische Darstellungen nennen mehrere tausend, teils deutlich höhere Tote.
Nach 1918 blieb der Kreis Schlochau beim Deutschen Reich und kam zur neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen; Hammerstein lag nun unmittelbar an der polnischen Grenze. Reichswehr und Wehrmacht nutzten den Übungsplatz weiter. Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich die Geschichte in verschärfter Form: Auf dem Gelände entstand das Stammlager II B Hammerstein, in dem neben polnischen, französischen und amerikanischen Gefangenen vor allem sowjetische Soldaten unter katastrophalen Bedingungen festgehalten wurden und zu Zehntausenden umkamen.
Nach 1945 wurde Hammerstein als Czarne polnisch. Die polnische Armee übernahm Übungsgelände und Militäranlagen; noch heute liegt in Czarne eine Einheit des polnischen Heeres, aktuell ein Instandsetzungsbataillon, und bei der Stadt wird weiterhin ein Übungsplatz genutzt. Auf einem Teil der früheren Militär- und Lagerflächen entstand zudem eine Justizvollzugsanstalt. Die Gefangenenfriedhöfe beider Weltkriege sind als Gedenkorte erhalten und erinnern daran, dass die Geschichte dieses Platzes über Jahrzehnte vor allem eine Geschichte der dort Festgehaltenen war.
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