Ohrdruf im Kaiserreich

Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha
Ohne Garnison im Kaiserreich

Truppengattung

Koordinaten

50.8270° N, 10.7319° O

Heutiger Name

Ohrdruf

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Über Ohrdruf

Ohrdruf, eine Kleinstadt mit 6.504 Einwohnern (1910) am Nordrand des Thüringer Waldes, gehörte bis 1918 zum Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha. Militärisch bekannt wurde nicht die Stadt selbst, sondern die Muschelkalkhochfläche östlich davon, die Ohrdrufer Platte: karger, landwirtschaftlich wenig ergiebiger Boden im Dreieck Gotha–Arnstadt–Ohrdruf, der schon seit dem 19. Jahrhundert als Manövergelände der thüringischen Staaten diente. Aus diesem Gelände wurde nach der Jahrhundertwende einer der großen Truppenübungsplätze des deutschen Heeres — mit der Besonderheit, dass hier eine preußisch geführte Militäreinrichtung auf dem Territorium eines thüringischen Herzogtums entstand.

Den Rahmen dafür bildete die Militärkonvention: Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha hatte bereits 1861 als einer der ersten Kleinstaatenfürsten eine Militärkonvention mit Preußen geschlossen, die 1867 erneuert und 1873 dem Reichszustand angepasst wurde; sie galt als Vorbild für die Konventionen der übrigen Kleinstaaten von 1867. Das Kontingent der Herzogtümer ging zusammen mit dem sachsen-meiningischen im 6. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 95 auf, das zum XI. Armeekorps in Kassel gehörte. Dessen Bataillone lagen in Gotha, Hildburghausen und Coburg — nicht in Ohrdruf. Die Stadt Ohrdruf selbst hatte im Kaiserreich zu keinem Zeitpunkt eine eigene Friedensgarnison; wo das Landeskontingent diente und was auf der Ohrdrufer Platte geschah, waren zwei getrennte Dinge.

Die Initiative zum Übungsplatz kam bezeichnenderweise aus der Stadt: 1890 bat Ohrdruf das preußische Kriegsministerium, das Manövergelände offiziell zu einem Truppenübungsplatz auszubauen — man erhoffte sich wirtschaftliche Belebung durch das Militär. Es dauerte jedoch bis 1906, ehe der Reichstag die Einrichtung beschloss. Der Platz wurde überwiegend auf gothaischem Gebiet angelegt und umfasste 1914 rund 4.670 Hektar. Die Verhandlungen zwischen Stadtverwaltung, herzoglichen Behörden und preußischer Militärverwaltung verliefen zäh; die Details des Grunderwerbs hat erst die neuere Forschung (Adrian Ermel) aufgearbeitet, die auch von einer schleichenden Ausdehnung des Platzes über die ursprünglichen Grenzen hinaus spricht.

1908 begann der Bau der Truppenunterkünfte, und im Mai 1908 traf mit dem I. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 95 aus Gotha die erste Übungstruppe ein — die Quellen nennen abweichend den 18. bzw. 21. Mai. In den Folgejahren entstand eine regelrechte Lagerstadt, deren Aufbau General Reinhard von Scheffer-Boyadel, der Kommandierende General des XI. Armeekorps, verfügte: Bis 1912 gab es feste Unterkünfte für ein Infanterie- und ein Kavallerieregiment, dazu Infanterielager, Kavallerielager, Jägerblock, Offizierslager sowie Kommandantur- und Verwaltungsgebäude; der Großteil war 1914 fertig. 1913 wurde der erste von neun Beobachtungstürmen errichtet.

Eine Garnison im eigentlichen Sinn wurde der Platz dadurch nicht. Ständig vor Ort war nur die Platzkommandantur mit ihrem Verwaltungs- und Aufsichtspersonal — und die Kommandanturen der Truppenübungsplätze gehörten nicht zur Gliederung des jeweiligen Armeekorps, sondern unterstanden der Heeresverwaltung des Kriegsministeriums. Die eigentlichen Truppen kamen und gingen mit dem Übungskalender: Regimenter und Bataillone des XI. Armeekorps, bei Bedarf auch anderer Korps, belegten die Lager wochenweise zu Schieß- und Gefechtsübungen. In der Friedensgliederung von 1914 ist kein Truppenteil mit dem Standort Ohrdruf verzeichnet. Ohrdruf folgte damit dem Muster von Alten-Grabow, nicht dem von Munster, wo ab 1912 dauerhaft ein Telegraphen-Bataillon lag. Sichtbarer Rest der militärischen Prägung in der Stadt selbst blieb die Trinitatiskirche, die als Garnisonkirche für die Übungstruppen diente.

Mit Kriegsbeginn 1914 wandelte sich der Platz zur Ausbildungs- und Aufstellungsmaschine: Thüringer Rekruten erhielten hier ihre Frontausbildung, und im Laufe des Krieges wurden auf dem Gelände verschiedene Linien-, Reserve- und Landsturmverbände aufgestellt. Zugleich entstand in einem abgetrennten Teil des Platzes ein Kriegsgefangenenlager. Bereits am 19. August 1914 trafen die ersten französischen Gefangenen ein; Ende August wurden schon rund 10.000 gezählt. Neben Franzosen waren Belgier, Russen, Polen, Rumänen und Portugiesen interniert, 1914 auch afrikanische Kolonialsoldaten der französischen Armee, die in den Vogesen und im Elsass gefangen genommen worden waren. Die Gefangenen wurden zu Arbeitskommandos herangezogen.

Das Lager bestand aus zwei Abschnitten: Der ältere fasste 10.000 Mann in sieben Blöcken zu je zehn Baracken für je 120 Gefangene, dazu Küchen, Wasch- und Latrinenbauten; ein zweiter Abschnitt bestand aus zehn großen Holzbaracken zu je vier Abteilungen für 250 Mann. Das sogenannte Nordlager wurde im April 1916 aufgelöst. Auf dem Gefangenenfriedhof des Platzes wurden 654 Tote bestattet, darunter 334 Russen, 108 Briten, 93 Franzosen, 66 Italiener und 36 Rumänen. Nach dem Waffenstillstand im November 1918 kam es auf dem Platz zu Plünderungen und Vandalismus durch heimkehrende und sich auflösende Einheiten.

Der Platz überdauerte alle folgenden Systeme: Reichswehr und Wehrmacht übten hier weiter, und im November 1944 richtete die SS auf dem Gelände das Buchenwalder Außenlager S III (Ohrdruf) ein, in dem über 10.000 Häftlinge Stollen in den Jonastal-Hängen treiben mussten; rund 6.000 von ihnen starben. Als amerikanische Truppen das Lager am 4. April 1945 erreichten, war es das erste von US-Truppen befreite Konzentrationslager; die Generale Eisenhower, Patton und Bradley besichtigten es am 12. April 1945. Nach 1945 nutzte die sowjetische Armee den Platz, seit den 1990er Jahren die Bundeswehr, die dort heute auf rund 4.950 Hektar den Truppenübungsplatz Ohrdruf betreibt. Der Kriegsgefangenenfriedhof des Ersten Weltkriegs, nach 1945 verfallen, wurde ab 1996 restauriert und 1998 wieder eingeweiht.

Stationierte Einheiten und Verbände

Kasernen, Festungen und militärische Standorte

Quellen

Literatur zur Militärgeschichte

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