Garnison Erfurt

Königreich Preußen
Heeresstandort

Königreich

Truppengattung

Heer

Waffengattungen

Koordinaten

50.9778° N, 11.0287° O

Heutiger Name

Erfurt

Aktuelles Wetter in Erfurt

Wetterdaten werden geladen...

Über die Garnison Erfurt

Erfurt gehörte seit 1802 zu Preußen und bildete im Kaiserreich eine Besonderheit der politischen Landkarte: Die Stadt war Sitz des Regierungsbezirks Erfurt und damit Teil der preußischen Provinz Sachsen, lag aber räumlich getrennt vom übrigen Provinzgebiet, umgeben von den thüringischen Klein- und Mittelstaaten. Militärisch machte gerade diese Lage die Stadt wertvoll: Erfurt wurde zum Ankerpunkt preußischer Truppenpräsenz in einer Landschaft, die aus einem guten Dutzend souveräner Fürstentümer und Herzogtümer bestand.

Bis in die frühen Jahre des Kaiserreichs war Erfurt förmlich Festung. Die Anlage bestand aus der Stadtumwallung und den beiden Zitadellen Petersberg und Cyriaksburg. Am 20. Juni 1873 ordnete Wilhelm I. die Entfestigung an; die Rayonbeschränkungen für die Stadt endeten zum 1. Oktober 1873. Der Abbruch zog sich aus Kostengründen über Jahrzehnte und blieb Stückwerk — abgetragen wurden vor allem die Ravelins Peter und Wilhelm sowie das Hornwerk. Der Petersberg selbst verlor seine Festungsfunktion, blieb aber militärisches Gelände und Unterkunftsraum: Genau dort lag bis 1914 das Erfurter Infanterieregiment.

Der Verwaltungsrahmen änderte sich mitten in der Kaiserzeit. Bis 1899 zählte Erfurt zum IV. Armeekorps mit Generalkommando in Magdeburg, was der Zugehörigkeit zur Provinz Sachsen entsprach. Zum 1. April 1899 wurde in Erfurt die 38. Division neu aufgestellt und dem XI. Armeekorps unterstellt, dessen Generalkommando in Kassel saß und dessen Korpsbezirk Hessen-Nassau und die thüringischen Gebiete umfasste. Erfurt wurde damit vom bloßen Garnisonort zum Divisionssitz: In der Stadt lagen die Stäbe der 38. Division, der 76. und der 83. Infanterie-Brigade, der 38. Feldartillerie-Brigade und der 38. Kavallerie-Brigade sowie die Landwehrinspektion Erfurt.

Das bekannteste Erfurter Regiment war das 3. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 71, 1860 aus Teilen des 1. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 31 und aus Landwehrformationen gebildet und auf dem Petersberg untergebracht. Es kämpfte 1866 gegen Österreich und 1870/71 unter anderem bei Beaumont und Sedan. Ein Detail verknüpft das Regiment mit der thüringischen Kleinstaatenwelt: Nach der Militärkonvention zwischen dem Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen und Preußen vom 28. Juni 1867 wurde das sondershäusische Füsilierbataillon aufgelöst und sein Personal in die preußische Armee überführt; 1869 verlegte das I. Bataillon des Regiments 71 nach Sondershausen. Im selben Jahr ernannte Wilhelm I. den regierenden Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen zum Chef des Regiments. Als äußeres Zeichen trugen die Sondershäuser Mannschaften eine weiße Kokarde mit grünem Ring. So blieb ein Kleinstaat formal sichtbar, während seine Truppe faktisch preußisch war — Erfurt und Sondershausen bildeten bis 1918 einen gemeinsamen Regimentsstandort.

Die zweite Säule der Garnison war das 1. Thüringische Feldartillerie-Regiment Nr. 19, dessen Wurzeln in den seit 1815 in Erfurt liegenden Artillerieverbänden liegen und das in der Erfurter Überlieferung auf 1872/1874 datiert wird. Stab und I. Abteilung lagen in der Martinikaserne, die II. Abteilung in der neueren Artilleriekaserne in der Rudolfstraße im Brühl. 1899 gab das Regiment Teile ab: Nach Naumburg abgegebene Einheiten bildeten das Feldartillerie-Regiment Nr. 55, die vormalige III. Abteilung in Torgau ging im Feldartillerie-Regiment Nr. 74 auf. Als dritte Waffengattung kam die Kavallerie hinzu: Am 1. Oktober 1910 wurde in Erfurt das Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 6 aufgestellt, für das die Stadt sich schon im November 1907 vertraglich verpflichtet hatte, im Süden eine Kaserne zu bauen und der Heeresverwaltung zu vermieten. Die Anlage wurde am 28. September 1910 übergeben und bot Raum für rund 1.000 Pferde.

Neben den Truppen prägte die Rüstungsproduktion die Stadt. Die Königlich Preußische Gewehrfabrik wurde ab 1859 am Mainzerhofplatz im Brühl errichtet und nahm am 28. September 1862 den Betrieb auf; verlegt worden war sie aus Saarn bei Mülheim an der Ruhr, weil der dortige Standort zu nahe an der französischen Grenze lag. Zuerst entstand hier das Zündnadelgewehr, ab 1871 das Infanteriegewehr Modell 1871. 1866 arbeiteten rund 420 Menschen im Werk, um 1876 etwa 1.000 bei einem Ausstoß von rund 60.000 Gewehren jährlich. Zeitweise war die Fabrik der größte Industriebetrieb Erfurts und machte die Garnisonstadt zugleich zum Rüstungsstandort.

Der Erste Weltkrieg verschärfte beides. Die Erfurter Metall- und Maschinenbaubetriebe stellten ab Herbst 1914 weitgehend auf Kriegsproduktion um, das Hindenburg-Programm vom September 1916 beschleunigte den Umbau; 1917 arbeiteten in der Stadt rund 42.000 Menschen in etwa 650 Rüstungsbetrieben. Als größte thüringische Garnisonstadt war Erfurt zugleich mit Einquartierungen, Requisitionen und Ersatztruppenbetrieb belastet. 3.579 Soldaten aus der Stadt fielen. Die anfängliche Kriegszustimmung wich früh der Erschöpfung; die Erfurter Arbeiterschaft radikalisierte sich, die Stadt wurde nach der Spaltung der Sozialdemokratie 1917 eine Hochburg der USPD. Im November 1918 trugen Arbeiter und Soldaten die Revolution auch hier durch, die Regimenter kehrten zurück und wurden aufgelöst.

Von der Kaiserzeit ist baulich Unterschiedliches geblieben. Die 1828 bis 1831 auf dem Petersberg errichtete Defensionskaserne, mit 167 Metern Länge das größte Gebäude der Zitadelle, erhielt 1912/13 ein Mansarddach und fasste danach rund 750 Mann; nach Jahrzehnten wechselnder Nutzung und langem Leerstand wurde sie 2021 von einem Erfurter Investor gekauft und wird zu einem Standort für Kreativwirtschaft, Gastronomie und Kultur umgebaut. Die Zitadelle selbst ist seit der Bundesgartenschau 2021 öffentlich zugänglich. Die 1822 bis 1825 gebaute Martinskaserne überstand die Umnutzung nicht: Nach dem Ersten Weltkrieg richtete die Reichspost dort eine Kraftfahrzeugwerkstatt ein, 2004 wurde der denkmalgeschützte Bau trotz Erhaltungsvorschlägen abgerissen. Die Kavalleriekaserne im Süden dagegen steht weitgehend im Originalzustand und beherbergt heute die Landespolizeidirektion Erfurt-Süd und die Verkehrspolizeiinspektion Erfurt. Militärisch ist Erfurt bis heute Standort: Seit 2013 sitzt hier das Logistikkommando der Bundeswehr.

Stationierte Einheiten und Verbände

Kasernen, Festungen und militärische Standorte

Quellen

Literatur zur Militärgeschichte

Werbehinweis: Die vorstehenden Buchverweise führen zur Suche bei Amazon. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Benachbarte Garnisonen

Depesche einbinden

Es ist ausdrücklich gestattet und erwünscht, diese Garnisons-Depesche in eigene Publikationen zu übernehmen. Man kopiere den nachstehenden Quelltext und füge ihn an geeigneter Stelle ein — die Kachel verweist sodann auf diese Seite.