Industriestädte ohne Garnison

Warum im Ruhrgebiet des Kaiserreichs fast keine Truppen lagen

Wer die Militärverzeichnisse des Deutschen Kaiserreichs durchgeht, findet dort die großen Industriestädte des Westens: Dortmund, Essen, Bochum, Duisburg, Gelsenkirchen. Wer anschließend nach ihren Kasernen sucht, findet nichts. Das ist kein Überlieferungsproblem — in keiner dieser Städte lag zwischen 1871 und 1918 ein Truppenteil.

Der Prüfstein ist die Friedensgliederung von 1914, das amtliche Verzeichnis, welcher Verband wo in Garnison stand. Für das zuständige VII. Armee-Korps mit Generalkommando in Münster nennt sie die Standorte Münster, Minden, Paderborn, Detmold, Höxter, Bielefeld, Bückeburg, Köln, Düsseldorf, Wesel, Kleve, Krefeld, Geldern und Mülheim an der Ruhr. Das Kohlerevier kommt darin nicht vor.

Was stattdessen dort war

Die Städte standen nicht ohne Grund in den Listen. Sie beherbergten die Wehrersatzverwaltung — jenen Apparat, der Musterung, Aushebung und die Kontrolle des Beurlaubtenstandes besorgte. Er brachte Offiziere und Beamte in einen Ort, aber keine Kompanie.

Genau hier liegt der aufschlussreichste Beleg. Ein zeitgenössischer Jahresbericht hält fest, dass das VII. Armee-Korps zum 1. Oktober 1907 eigens für die „stark bevölkerten Industriebezirke" zwei neue Landwehr-Inspektionen einrichtete, in Dortmund und in Essen. Ihnen unterstanden die Bezirkskommandos Dortmund, Bochum, Hagen, Gelsenkirchen und Recklinghausen.

Das Heer baute im Revier also einen eigenen Verwaltungsapparat auf — gerade weil dort keine Truppen lagen. Wehrpflichtige gab es reichlich; sie mussten erfasst und gemustert werden, dienen taten sie anderswo.

Die Gegenprobe

Der Befund gilt nicht pauschal für Industriestädte. Mülheim an der Ruhr liegt zwischen Duisburg und Essen und war sehr wohl Garnison: Seit dem 29. März 1899 lag dort das Infanterie-Regiment Nr. 159 in einer eigens gebauten Kaserne an der Kaiserstraße, deren Grundstein 1897 gelegt wurde. Ebenso Düsseldorf, Köln und Wesel.

Es waren also nicht Industrie, Größe oder Arbeiterschaft an sich, die eine Garnison ausschlossen. Betroffen sind die rasch gewachsenen Bergbau- und Hüttenstädte ohne ältere militärische Tradition — Orte, die im 19. Jahrhundert vom Dorf zur Großstadt wurden, ohne je Festung, Residenz oder Verwaltungsmittelpunkt gewesen zu sein.

Rüstung ohne Truppe

Am deutlichsten wird die Trennung dort, wo man sie am wenigsten erwartet: bei den Rüstungsbetrieben. Essen war Sitz der Firma Krupp, des größten Waffenlieferanten des Reiches — und hat aus der Kaiserzeit keine einzige Kaserne, weil nie eine gebaut wurde. Die schweren Rohre wurden nicht in Essen abgenommen, sondern auf dem firmeneigenen Schießplatz Meppen, den Krupp ab 1877 betrieb.

Dasselbe in Solingen: Die Klingenstadt lieferte Säbel, Degen und Seitengewehre an das Heer. Die Abnahme besorgten jedoch periodisch anreisende Revisoren, die die geprüften Stücke mit dem Kronenstempel zeichneten. Ein Standort entstand daraus nicht.

Eine Rüstungsfabrik begründet keine Garnison — so wenig wie die Pulverfabrik in Rottweil, die im Ersten Weltkrieg einen Großteil des deutschen Pulverbedarfs deckte und deren Stadt trotzdem nie Truppen beherbergte.

Wo die Männer dienten

Dass die Revierstädte keine Garnisonen hatten, heißt nicht, dass sie keine Soldaten stellten. Im Gegenteil: Der dichtbesiedelte Westen war ein Rekrutierungsraum ersten Ranges. Die Wehrpflichtigen rückten nur eben woanders ein.

Ein Denkmal macht das sichtbar. Am Bochumer Stadtpark steht ein Kriegerdenkmal für das Infanterie-Regiment Nr. 67 — ein Regiment, das in Metz lag, mehr als dreihundert Kilometer entfernt. Errichtet wurde es 1935 in Bochum, weil so viele seiner Mannschaften aus dem Revier stammten. Eine Stadt ehrt einen Verband, der nie bei ihr in Garnison stand.

Das ist derselbe Zusammenhang, der in den Kleinstaaten galt und im Artikel über die Militärkonventionen beschrieben ist: Wo jemand herkam und wo er diente, sind zwei verschiedene Fragen.

Was das für die Ortsforschung bedeutet

Eine offene Frage

Naheliegend wäre die Vermutung, die Armee habe Standorte im Revier aus politischen Gründen gemieden — wegen der starken Arbeiterbewegung, oder umgekehrt: dass sie gerade deshalb dort hätte präsent sein wollen. Belegen lässt sich beides aus den hier ausgewerteten Quellen nicht.

Was sich belegen lässt, ist die Praxis: Bei den Bergarbeiterstreiks von 1889 und 1912 wurde Militär in das Revier verlegt, nicht von dort abgerufen. 1889 mussten in Essen Truppen eigens angefordert werden und trafen erst am Folgetag ein; im März 1912 rückten rund 5.000 Soldaten für wenige Tage in die Kreise Dortmund, Hamm und Recklinghausen ein und zogen wieder ab. Als Ordnungsmacht war die Armee im Revier also ein Gast — kein Nachbar.

Die vollständige Liste der geprüften Orte samt Einzelbegründung steht unter Orte ohne Garnison.

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