Garnison Braunschweig

Herzogtum Braunschweig
Heeresstandort

Herzogtum

Truppengattung

Heer

Koordinaten

52.2647° N, 10.5236° O

Heutiger Name

Braunschweig

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Über die Garnison Braunschweig

Braunschweig war zwischen 1871 und 1918 beides: Residenzstadt eines kleinen Bundesstaates und Standort preußisch geführter Truppen. Als Garnison hat die Stadt eine weit ältere Geschichte – seit 1671 lag hier dauerhaft Militär –, doch die Jahre des Kaiserreichs sind von einer Besonderheit geprägt. Das Herzogtum Braunschweig war der letzte deutsche Bundesstaat, der eine Militärkonvention mit Preußen abschloss. Bis dahin behielt sein Kontingent, zuletzt etwa 2000 Mann, eine formale Eigenständigkeit, die anderswo längst aufgegeben war. Der Weg dorthin begann 1866: Am 18. August 1866 trat Braunschweig dem Norddeutschen Bund bei, das Amt des Braunschweiger Stadtkommandanten wurde daraufhin aufgehoben. Mit dem Übergang unter den Oberbefehl des Bundes erhielten die Verbände 1867 neue Bezeichnungen: Herzoglich Braunschweigisches Infanterie-Regiment Nr. 92, Herzoglich Braunschweigisches Husaren-Regiment Nr. 17 sowie eine braunschweigische Batterie, die dem hannoverschen Feldartillerie-Regiment Nr. 10 eingegliedert wurde. Preußische Militärgesetze und die allgemeine Wehrpflicht galten von nun an auch hier, und die Waffen – etwa das Zündnadelgewehr 62 – kamen aus preußischer statt aus braunschweigischer Fertigung.

Eine Militärkonvention lehnte Herzog Wilhelm dennoch beharrlich ab. Preußen hatte solche Verträge zwischen 1867 und 1873 mit fast allen Bundesstaaten geschlossen; 1875 wurde in Braunschweig indirekt mit einer Bundesexekution gedroht, begründet mit dem angeblich mangelhaften Ausbildungsstand des Infanterie-Regiments. Erst nach Wilhelms Tod 1884 kam die Vereinbarung zustande. Für Braunschweig verhandelte Generalmajor Robert von Wachholtz; unterzeichnet wurde am 9. März 1886 in Braunschweig durch Staatsminister Graf von Görtz-Wrisberg und am 18. März 1886 in Berlin auf preußischer Seite. Zum 1. April 1886 trat sie in Kraft. Die Truppenteile blieben als solche bestehen, behielten Fahnen und Standarten und trugen neben der preußischen weiterhin die blau-gelbe Landeskokarde; der Zusatz „Herzoglich“ entfiel. Die schwarzen braunschweigischen Uniformen wurden bis 1892 durch blaue preußische ersetzt – die Husaren behielten ihr Schwarz.

Kurios ist, dass das braunschweigische Infanterie-Regiment die erste Hälfte der Kaiserzeit gar nicht in Braunschweig verbrachte. Nach dem Krieg von 1870/71 blieb das Regiment Nr. 92 als Besatzung im Reichsland Elsaß-Lothringen und lag in Pfalzburg, Marsal, Dieuze und Saarburg; es gehörte zur 60. Infanterie-Brigade der 30. Division und damit zum XV. Armee-Korps mit Generalkommando in Straßburg. Die Lücke in der Heimatgarnison füllten zwei Bataillone des preußischen 4. Magdeburgischen Infanterie-Regiments Nr. 67, die in der Infanteriekaserne am Fallersleber Tor untergebracht wurden. Erst 1887 kehrte das Regiment nach Braunschweig zurück und bildete fortan mit dem 2. Hannoverschen Infanterie-Regiment Nr. 77 die 40. Infanterie-Brigade, deren Stab in Braunschweig saß. Über die 20. Division gehörte es zum X. Armee-Korps in Hannover, das 1914 General der Infanterie Otto von Emmich führte. Ab 1893 lautete die Bezeichnung Braunschweigisches Infanterie-Regiment Nr. 92.

Der Zuwachs an Truppen zwang zum Bauen. 1893 kam aufgrund eines Gesetzes vom 3. August desselben Jahres ein viertes Bataillon hinzu, das allerdings nur aus zwei Kompanien bestand und die übrigen drei entlasten sollte; seine Fahne wurde 1894 im Berliner Zeughaus genagelt und am 20. Oktober im Hof der Infanteriekaserne übergeben. Am 1. April 1897 wurde dieses Bataillon wieder aufgelöst. Im selben Jahr verlegte das III. Bataillon aus Blankenburg im Harz nach Braunschweig in die 1893 errichtete Infanteriekaserne an der Korfesstraße; für die erwarteten Wohnungsprobleme hatte ein Bauunternehmer 1895 vier Doppelhäuser in derselben Straße errichtet.

Die Husaren lagen seit 1825 in Braunschweig, zunächst in der Kavalleriekaserne am Löwenwall und zwischen 1869 und 1892 mit zwei Schwadronen zusätzlich in der Augusttor-Kaserne. Ab 1892 entstand am Giersberg neben einer bereits 1873 dort vorhandenen Reitbahn ein weitläufiger Neubau am Altewiekring, den das Regiment am 15. März 1893 bezog. Der Name Mars-la-Tour-Kaserne erinnerte an die Schlacht vom 16. August 1870, an der das Regiment unter Oberstleutnant Friedrich Wilhelm von Rauch teilgenommen hatte; das Spruchband der Fassade nennt PENINSULA, SICILIEN, WATERLOO und MARSLATOUR. Im Frieden gehörte das Regiment zur 20. Kavallerie-Brigade. Getragen wurde eine schwarze Attila mit gelber Verschnürung und eine Pelzmütze mit ponceaurotem Kolpak.

Der Totenkopf mit gekreuzten Knochen, das bekannteste Erkennungszeichen der braunschweigischen Verbände, geht auf die Schwarze Schar des Herzogs Friedrich Wilhelm von 1809 zurück. Er wurde jedoch nie von allen Truppenteilen gleichzeitig geführt. Zuletzt trug ihn allein das Leib-Bataillon; am 17. September 1883 erhielt das Husaren-Regiment Nr. 17 die kaiserliche Erlaubnis zur „Wiederanbringung“ an der Pelzmütze. 1889 durfte das nunmehr als III. (Leib-)Bataillon bezeichnete Füsilier-Bataillon des Regiments 92 das Zeichen weiterführen, und erst eine Kabinettsorder vom 27. Januar 1912 dehnte es auf alle Bataillone aus; der bis dahin getragene Stern des Hausordens entfiel. Die Traditionspflege ging 1921 auf das 17. Infanterie-Regiment der Reichswehr über.

Parallel zur militärischen Angliederung lief die ungelöste Thronfolge. Herzog Wilhelm starb 1884 ohne Erben; der welfische Anspruchsberechtigte, der Herzog von Cumberland, blieb wegen der ungeklärten Haltung zur preußischen Annexion Hannovers ausgeschlossen. Regenten waren zunächst Prinz Albrecht von Preußen (1885–1906), danach Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg (1907–1913). Der Landesherr, der 1886 die Militärkonvention mit Preußen schloss, war also selbst ein preußischer Prinz – Konvention und Regentschaft verstärkten einander. Erst 1913 kehrten die Welfen zurück: Ernst August heiratete am 24. Mai 1913 Victoria Luise, die Tochter Wilhelms II.; schon bei der Verlobung im Februar hatte er dem Kaiser einen Treueid geleistet und wurde auf dessen Befehl zum Rittmeister befördert. Am 27. Oktober verzichtete sein Vater zu seinen Gunsten, am 1. November trat Ernst August die Regierung an, am 3. November zog er feierlich in Braunschweig ein.

Am 31. Juli 1914 übergab Ernst August die Regierungsgeschäfte an Victoria Luise und zog als preußischer Offizier ins Feld; die Mobilmachung am 1. August füllte die Kasernen mit Reservisten. Das Regiment 92 marschierte mit der 40. Infanterie-Brigade über Lüttich und Namur nach Nordfrankreich. Am 22. August 1914 standen zwei seiner Bataillone bei Roselies an der Sambre im neutralen Belgien; der belgische Untersuchungsbericht von 1923 nennt für den Ort vier getötete Zivilisten, 160 Plünderungen und 91 Brandstiftungen. Eine 1938 in Braunschweig neu erbaute Kaserne wurde nach Roselies benannt, und seit 2018 erinnert auf dem ehemaligen Kasernengelände ein „Garten der Erinnerung“ an die Ereignisse. In Braunschweig selbst entstand am 1. September 1914 aus Ersatztruppen, darunter das II. Ersatz-Bataillon des Regiments 92, das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 208; am 1. April 1917 nahm die Militär-Fliegerstation Braunschweig-Broitzem auf rund 95 Hektar den Betrieb auf. Das Husaren-Regiment Nr. 17 wurde im Oktober 1916 endgültig aufgelöst, seine Eskadrons abgesessen oder auf Besatzungsaufgaben verteilt. Am 8. November 1918 dankte der Herzog ab.

Vom militärischen Braunschweig des 19. Jahrhunderts ist wenig geblieben. Die Mars-la-Tour-Kaserne am Altewiekring ist das einzige in der Region erhaltene Kasernengebäude aus jener Zeit; sie steht unter Denkmalschutz, beherbergte von 1945 bis 1979 das 4. Polizeirevier, ab 1983 die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber und wurde 2005 von privaten Investoren zu Wohnungen und Büros umgebaut. Die Infanteriekaserne am Fallersleber Tor wurde im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen und 1961 größtenteils abgerissen; auf dem Gelände saßen danach Kriminalpolizei, Bundesvermögensamt und Hauptzollamt. Die alte Kavalleriekaserne am Löwenwall diente ab 1892 der Kunst- und Gewerbeschule, wurde 1907 abgetragen und machte dem Bau der Gaußschule Platz. Von der 1894 geschlossenen Augusttor-Kaserne wurde 1896 der Portikus in den Bürgerpark versetzt, wo er noch steht. Die Schießstände am Nußberg blieben bis 1919 in Gebrauch. Die Garnisonsgeschichte der Stadt endete erst 2003 mit dem Abzug der letzten Bundeswehreinheiten.

Stationierte Einheiten und Verbände

Kasernen, Festungen und militärische Standorte

Quellen

Literatur zur Militärgeschichte

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