Cassel – die Schreibweise mit C blieb bis zum 4. Dezember 1926 amtlich – war im Kaiserreich keine Festung und kein Flottenstützpunkt, sondern eine Kommandostadt. Am 11. Oktober 1866, wenige Wochen nach dem Deutschen Krieg, wurde hier das Generalkommando des XI. Armee-Korps eingerichtet. Von diesem Schreibtisch aus wurde ein Korpsbezirk verwaltet, der im Wesentlichen die neu gebildete preußische Provinz Hessen-Nassau und die thüringischen Fürstentümer umfasste; auch das großherzoglich hessische Kontingent trat zunächst zu diesem Korps.
Der Hintergrund ist die Annexion des Kurfürstentums Hessen. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. hatte sich 1866 auf die österreichische Seite stellen lassen, wurde am 20. Juni von preußischen Truppen gefangen gesetzt und nach Stettin gebracht; am 17. August beschloss der preußische Landtag die Annexion. Die kurhessische Armee wurde aufgelöst, ihre Regimenter aber nicht vernichtet, sondern als Stamm übernommen: aus den beiden Husaren-Regimentern wurden die preußischen Husaren-Regimenter Nr. 13 und Nr. 14, aus dem Jäger- und dem Schützen-Bataillon das Kurhessische Jäger-Bataillon Nr. 11, aus den drei Infanterie-Regimentern die Regimenter Nr. 81, 82 und 83, aus Artillerie, Pionieren und Train die Verbände mit der Korpsnummer 11. Die Residenzstadt der Kurfürsten wurde damit zugleich Provinzhauptstadt und Korpssitz – Oberpräsidium und Generalkommando lagen fortan in derselben Stadt.
Der Zuschnitt des Korpsbezirks änderte sich am 1. April 1899: Mit der Aufstellung des XVIII. Armee-Korps in Frankfurt am Main gingen das Großherzogtum Hessen und der Süden Hessen-Nassaus dorthin über. Dem XI. Armee-Korps blieben von da an die 22. Division in Cassel und die 38. Division in Erfurt. Geübt wurde vor allem auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen, wo im Frieden jährlich rund 8.000 Soldaten des Korps zusammenkamen.
In Cassel selbst standen 1914 das Generalkommando, der Stab der 22. Division sowie die Stäbe der 43. und 44. Infanterie-Brigade, der 22. Kavallerie-Brigade und der 22. Feldartillerie-Brigade. An Truppen lagen in der Stadt das 1. Ober-Elsässische Infanterie-Regiment Nr. 167, zwei Bataillone des Infanterie-Regiments „von Wittich“ (3. Kurhessisches) Nr. 83, das Husaren-Regiment „Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg“ (2. Kurhessisches) Nr. 14, zwei Abteilungen des 1. Kurhessischen Feldartillerie-Regiments Nr. 11 und die Kurhessische Train-Abteilung Nr. 11. Die übrigen Verbände der Division waren über den Bezirk verteilt: Göttingen, Meiningen, Mühlhausen in Thüringen, Hofgeismar, Fritzlar, Fulda, Arolsen; Jäger und Pioniere des Korps lagen in Marburg und Hannoversch Münden.
Das Hausregiment der Stadt war die 83er. Es ging aus dem 3. kurhessischen Infanterie-Regiment hervor und trug ab 1889 den Namen Ludwig von Wittichs, der 1870 nach dem Tod Hermann von Gersdorffs bei Sedan die 22. Division übernommen und sie an der Loire und bei Le Mans geführt hatte. 1902 kam der Zusatz „3. Kurhessisches“ hinzu, 1909 übernahm das Regiment auch die Tradition des gleichnamigen kurhessischen Verbandes aus Fulda mit dem Gründungstag 22. November 1813. Weil der Fürst von Waldeck Regimentschef war, lag das Füsilier-Bataillon in Arolsen. Am 2. August 1914 rückte das Regiment ins Feld; in der Casseler Kaserne formierten sich anschließend Reserve-, Landwehr- und Ersatzbataillone. Eingesetzt wurde die 83er vor Lüttich, danach in Masuren und in Polen.
Die Unterbringung wuchs über Jahrzehnte in die Stadt hinein. Zunächst dienten die Hohetor- und die Stadtkaserne nacheinander den Infanterie-Regimentern 32, 83, 97 und 167. Die Neue Infanterie-Kaserne an der Hohenzollernstraße im Vorderen Westen war 1873 fertig; 1875 zogen zwei Bataillone der 83er ein. Die Husaren nutzten anfangs die alte Kaserne am Garde-du-Corps-Platz und zeitweise den Marstall; weil das Regiment zu groß für die vorhandenen Ställe war, lagen Eskadrons auswärts in Waldau, Bettenhausen, Grebenstein, Wilhelmshöhe und Rotenburg an der Fulda. 1889 bezogen diese Teile die neue Husaren-Kaserne an der Frankfurter Straße, 1910 kamen die älteren Casseler Teile in eine weitere Husaren-Kaserne an der Bosestraße; die baufällige Garde-du-Corps-Kaserne wurde abgebrochen. Als letzter Neubau der Kaiserzeit entstand 1913/14 in Niederzwehren eine Fußartilleriekaserne für das Thüringische Fußartillerie-Regiment Nr. 18 – bezogen hat das Regiment sie wegen des Kriegsausbruchs nie.
Neben der Garnison gab es in Cassel eine zweite militärische Präsenz: den Hof. Schloss Wilhelmshöhe, die klassizistische Sommerresidenz der hessischen Landgrafen und Kurfürsten, diente vom 5. September 1870 bis zum 19. März 1871 als Aufenthaltsort des gefangenen französischen Kaisers Napoleon III. Danach nutzten Wilhelm I. und Wilhelm II. das Schloss mit ihren Familien als Sommerresidenz; im Sommer 1918 wohnte Wilhelm II. als letzter fürstlicher Bewohner dort.
Wirtschaftlich hing die Stadt an der Eisenbahn und an Henschel & Sohn. Die Firma war aus einer Geschützgießerei hervorgegangen, wurde im 19. Jahrhundert zu einem der größten Lokomotivbauer Deutschlands und war um 1905 mit rund 4.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber der Stadt, die damals gut 120.000 Einwohner zählte. Im Ersten Weltkrieg blieb der Lokomotivbau kriegswichtig; ab 1917 fertigte Henschel zusätzlich Feldgeschütze in größerem Umfang. Cassel war damit nicht nur Kommando-, sondern auch Rüstungsstandort.
Von den Anlagen der Kaiserzeit ist wenig als Kaserne übrig. Das Gelände der 83er-Kaserne an der Hohenzollernstraße nahm nach 1918 die Schutzpolizei auf; heute liegt dort die Samuel-Beckett-Anlage. Auf dem Areal der Husaren-Kaserne an der Frankfurter Straße saß bis 2017 das Versorgungsamt. Die Kaserne an der Bosestraße wurde als Jäger-Kaserne bis in die 1990er Jahre von der Bundeswehr genutzt, unter anderem von einem Heeresmusikkorps, Feldjägern und dem Kreiswehrersatzamt; der Hof ist inzwischen mit Wohnhäusern bebaut. Die Fußartilleriekaserne in Niederzwehren hieß ab 1937 Graf-Haeseler-Kaserne, ab 1950 unter amerikanischer Nutzung Wilson Barracks und ab 1956 wieder Graf-Haeseler-Kaserne; die militärische Nutzung endete am 1. April 1994, seither heißt das Gelände Unternehmenspark Niederzwehren.
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