Halle an der Saale war im Kaiserreich Stadtkreis in der preußischen Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Merseburg, und gehörte zum Bezirk des IV. Armee-Korps, dessen Generalkommando in Magdeburg saß. Militärisch war die Stadt ein Spätzünder. Während Magdeburg, Torgau und Erfurt seit Generationen Festungs- und Truppenstandorte waren, besaß Halle bis weit ins 19. Jahrhundert keine dauerhaften Kasernen; im 17. und 18. Jahrhundert lag das militärische Personal in Privatquartieren. Zur Garnisonsstadt im modernen Sinn wurde Halle erst 1881, mit dem Bau der ersten Kaserne in der Reilstraße.
An mangelnder Bedeutung lag das nicht. Halle zählte 1905 rund 169.000 Einwohner und war damit die zweiundzwanzigstgrößte Stadt des Deutschen Reiches. Es war Sitz der 1694 gegründeten Universität, Umschlagplatz für Getreide und Zucker und Mittelpunkt eines Reviers, in dem seit Jahrhunderten Salz gesotten und im 19. Jahrhundert Braunkohle sowie im benachbarten Mansfelder Land Kupferschiefer gefördert wurde. Maschinenbau, Zuckerraffinerien und Waggonbau kamen hinzu. Für die Armee war eine solche Stadt zunächst Rekrutierungs- und Wirtschaftsraum, nicht Aufmarschgebiet.
Was Halle militärisch prägte, war weniger die Zahl der Bataillone als die Dichte der Kommandobehörden. Am 1. Oktober 1899 wurde in der Stadt die 8. Feldartillerie-Brigade errichtet. 1901 kamen zwei weitere Stäbe hinzu: Das Kommando der 8. Division, das bis dahin in Erfurt gestanden hatte, verlegte nach Halle und blieb dort bis 1919; im selben Jahr nahm auch die 8. Kavallerie-Brigade ihren Standort in Halle. Dazu traten der Stab der 15. Infanterie-Brigade und die Landwehr-Inspektion Halle. Von hier aus wurde ein Divisionsbereich geführt, der von Dessau und Zerbst über Torgau und Wittenberg bis Altenburg und Merseburg reichte.
Truppe im engeren Sinn lag deutlich weniger in der Stadt. Das Füsilier-Regiment „General-Feldmarschall Graf Blumenthal“ (Magdeburgisches) Nr. 36 stellte den Regimentsstab und zwei Bataillone. Der Verband war 1820 als 36. Infanterie-Regiment aufgestellt worden, hieß seit 1860 Magdeburgisches Füsilier-Regiment Nr. 36 und erhielt 1900, nach dem Tod seines langjährigen Regimentschefs, dessen Namen. Hinzu kam das am 25. März 1899 errichtete Mansfelder Feldartillerie-Regiment Nr. 75, dessen Beiname auf das Mansfelder Bergbaurevier als Ergänzungsbezirk verweist — eine der wenigen Stellen, an denen die Wirtschaftsgeographie der Region unmittelbar in einen Regimentsnamen einging.
Der Unterschied zwischen Stabsort und Truppenstandort ist bei Halle besonders scharf. Die 8. Kavallerie-Brigade führte das Kürassier-Regiment „von Seydlitz“ (Magdeburgisches) Nr. 7 und das Thüringische Husaren-Regiment Nr. 12 — beide lagen in Halberstadt, Quedlinburg und Torgau, keine Schwadron in Halle selbst. Ebenso waren die Korpstruppen des IV. Armee-Korps, also Pioniere, Train und Fußartillerie, in Magdeburg zusammengefasst. Pferde gehörten trotzdem zum Straßenbild, denn die Feldartillerie war bespannt und zur Kaserne in der Reilstraße gehörte seit 1892 eine Reithalle.
Die drei Kasernenbauten der Kaiserzeit lassen sich noch heute im Stadtbild verorten. Die erste entstand 1881 bis 1884 in der Reilstraße im Norden der Stadt für Stab und Kompanien des Füsilier-Regiments Nr. 36; 1892 kamen Reithalle und Kasino hinzu. 1891/92 folgte eine Infanteriekaserne an der Nordseite des Roßplatzes, unweit des wenig später errichteten Wasserturms. Den Abschluss bildete 1899/1900 die Artilleriekaserne an der Merseburger Straße für das neu aufgestellte Feldartillerie-Regiment Nr. 75, ein drei- bis viergeschossiges Backsteinensemble mit geschweiften Giebeln zwischen Jugendstil und Neorenaissance.
Mit der Mobilmachung 1914 rückte die 8. Division an die Westfront; sie kämpfte unter anderem bei Mons, an der Somme, bei Arras und in Flandern und wurde im März 1919 aufgelöst. Die 8. Feldartillerie-Brigade wurde am 16. Februar 1917 in den Artillerie-Kommandeur 8 umgewandelt, der die taktische Führung der gesamten Feld- und schweren Artillerie übernahm. Halle selbst wurde Rüstungsstandort: In Stadt und Umland arbeiteten rund zwanzig Munitions- und Rüstungsbetriebe, darunter die Waggonfabrik Gottfried Lindner in Ammendorf und, ab 1916 vor den Toren der Stadt, die Leuna-Werke.
Ab Mitte 1916 entstand westlich von Mötzlich ein Flugplatz, auf dem die Flieger-Ersatz-Abteilung 14 Piloten ausbildete; er gehörte zu den Kriegsformationen und nicht zur Friedensgliederung von 1914. Nach Artikel 198 des Versailler Vertrags mussten die Hallen wieder abgebrochen werden. Auch sonst veränderte der Krieg die Stadt sichtbar: Ab September 1915 arbeiteten Frauen als Straßenbahnschaffnerinnen, ab März 1917 auch als Fahrerinnen. Im Februar 1917 wurde der Kohlenbezug der Haushalte auf zwei Zentner wöchentlich beschränkt, Brot und Zucker gab es auf Karte. Etwa 5.500 Hallenser fielen im Krieg.
Von der Garnison der Kaiserzeit ist Bausubstanz geblieben, Erinnerungskultur dagegen kaum. Die Artilleriekaserne an der Merseburger Straße 196 steht unter Denkmalschutz und beherbergt heute Verwaltungsdienststellen, darunter Bundeskasse und Hauptzollamt. Vom Kasernenareal am Roßplatz wurde ein Teil saniert, ein Teil abgebrochen; auf dem Gelände entstand die Außenstelle Halle der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland. Die Kaserne in der Reilstraße nahm ab 1919 Polizeieinheiten auf, diente in den 1920er Jahren als Reit- und Fahrschule und wurde ab 1956 von der Nationalen Volksarmee genutzt. Das Denkmal für die Gefallenen der 36er Regimenter wurde 1947 im Auftrag der Stadt unkenntlich gemacht — die gusseisernen Tafeln zerschlug man, das Relief marschierender Soldaten wurde abgearbeitet — und später vollständig abgetragen.
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