Lehe lag an der Geeste unmittelbar nördlich von Bremerhaven, in der Provinz Hannover, Regierungsbezirk Stade, und war Sitz des Kreises Lehe. Die Besitzverhältnisse an der Wesermündung waren verschachtelt: Bremerhaven gehörte zur Freien Hansestadt Bremen, die beiden Nachbarorte Lehe und Geestemünde dagegen zu Preußen. Eine Straßenbahn verband Lehe mit Geestemünde. Bis 1920 blieb Lehe formal ein Flecken, obwohl es längst städtische Größe erreicht hatte.
Das Wachstum war rasant. 1900 zählte Lehe 24.301 Einwohner, darunter etwa 1.835 Katholiken und 78 Juden; 1905 waren es 31.829, womit der Ort auf Platz 123 der größten Städte des Deutschen Reichs stand. Drei evangelische Kirchen, zwei katholische Pfarrkirchen, ein Realgymnasium, eine Telegraphenschule, ein Amtsgericht sowie Mühlen, Zement- und Zündholzfabriken, Ziegeleien und eine Brauerei prägten das Bild. Territorial hatte der Ort einen wechselvollen Weg hinter sich: bis 1652 zum Erzstift Bremen, dann unter schwedischer Herrschaft, ab 1715 hannoversch, seit 1866 preußisch.
Die militärische Bedeutung Lehes ergab sich aus der Lage an der Wesermündung. Zwischen 1866 und 1880 ließ Preußen zu beiden Seiten des Fahrwassers schwer armierte Artilleriewerke anlegen: die Forts Langlütjen I und II auf der oldenburgischen Seite und die Weserforts Brinkamahof I und II auf der hannoverschen. Sie sollten den Zugang zu den Häfen von Bremerhaven, Geestemünde und Brake sperren. Bereits 1874 kaufte die Fortifikation Land von der Fleckensverwaltung Lehe; 1874/75 entstand nördlich des Ortes an einem Feldweg nach Weddewarden ein hölzerner Schuppen zur Lagerung von Pulver und Munitionsteilen, aus dem später das Pulvermagazin Speckenbüttel hervorging.
Bedient wurden die Werke zunächst von Truppen des preußischen Heeres. 1887 ging die Verantwortung auf die III. Matrosen-Artillerie-Abteilung der Kaiserlichen Marine über. Für sie wurde in Lehe an der Kaiser-Wilhelm-Straße — der heutigen Hinrich-Schmalfeldt-Straße — ein eigener Kasernenkomplex errichtet. Von dort marschierten die Wachen über die Hafenstraße und weiter über einen Feldweg zu den Batterien von Fort Brinkamahof. Damit war Lehe von 1887 bis 1918 Marinegarnison, nicht Heeresgarnison.
Die Matrosenartillerie war die Küstenartillerie der Kaiserlichen Marine. Ihre Abteilungen bedienten die Geschütze der Hafen- und Strombefestigungen und wirkten beim Legen von Minensperren mit. In der Friedensgliederung von 1914 bestanden fünf solcher Abteilungen zu je drei bis fünf Kompanien: in Friedrichsort bei Kiel, in Wilhelmshaven, in Lehe, in Cuxhaven und auf Helgoland. Die Abteilung in Lehe deckte den Weserabschnitt ab; Cuxhaven und Helgoland sicherten die Elbmündung und die vorgelagerte Insel. Auf Langlütjen II standen 1914 Geschütze im Kaliber 28 Zentimeter.
Die Verwaltungslage spiegelte die Grenzverhältnisse: Das Amtsgericht und das Standesamt saßen in Lehe selbst, der Landgerichtsbezirk lag in Verden, das Militärkommando dagegen in Bremerhaven. Für den Ort bedeutete die Garnison einen festen wirtschaftlichen Faktor neben Hafen, Werften und Auswandererverkehr, die den Unterweser-Raum um 1900 trugen. Die Standortgeschichte der Abteilung wurde noch vor dem Weltkrieg von Humpert unter dem Titel „Geschichte der 3. Matrosen-Artillerie-Abteilung zu Lehe a. d. W.“ dargestellt.
Mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 verlor Lehe seine Garnison. 1920 erhielt der Flecken Stadtrechte und wurde Stadtkreis, 1924 vereinigte er sich mit Geestemünde zur Stadt Wesermünde, die weiterhin zur preußischen Provinz Hannover gehörte. Ab 1936 entstand auf dem früheren Exerzierplatz der kaiserlichen Artilleriekaserne ein neuer Kasernenkomplex. 1947 kam Wesermünde zu Bremen und ging in Bremerhaven auf.
Von der Garnisonszeit ist in Bremerhaven-Lehe mehr erhalten als anderswo. Das Stadthaus 6 an der Hinrich-Schmalfeldt-Straße, der älteste Bau des heutigen Verwaltungskomplexes, wurde noch vor der Reichsgründung für die Matrosenartillerie errichtet und diente den Besatzungen von Langlütjen und Brinkamahof; die übrigen Gebäude kamen ab 1936 hinzu. Ein Denkmal auf dem früheren Exerzierplatz erinnerte an die Angehörigen der III. Matrosen-Artillerie-Abteilung. Die Weserforts selbst sind teils abgetragen, teils als Inselreste in der Strommündung erhalten geblieben.
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