Lübeck war bis 1867 ein Staat mit eigenen Streitkräften. Nach dem Wiener Kongress hatte die Stadt ihre Wehrhoheit zurückerhalten und Ende November 1814 ein reguläres Militär aufgestellt, das zunächst aus Freiwilligen der aufgelösten Hanseatischen Legion bestand. Seit 1832 galt diese Truppe als Bundeskontingent und bildete zusammen mit den Kontingenten Hamburgs, Bremens und Oldenburgs eine Brigade des X. Bundesarmeekorps. Artillerie unterhielt Lübeck nicht; diese Verpflichtung hatte gegen Zahlung Oldenburg übernommen. Neben dem stehenden Militär bestand bis 1867 die milizartige Bürgergarde.
Mit dem Eintritt in den Norddeutschen Bund endete diese Eigenständigkeit. Am 27. Juni 1867 schloss Lübeck eine Militärkonvention mit Preußen, in der Preußen gegen finanziellen Ausgleich sämtliche militärischen Verpflichtungen der Stadt übernahm. Das Lübecker Militär wurde aufgelöst, den Soldaten stand frei, in preußischen Dienst überzutreten; die Bürgergarde folgte am 1. November 1867. Anders als Bayern, Sachsen oder Württemberg behielt Lübeck keine eigene Militärverwaltung. Was blieb, waren Ehren- und Repräsentationsrechte: die hanseatische Kokarde – ein rotes Kreuz auf weißem Grund – neben der Reichskokarde, das Stadtwappen als Regimentszeichen und eine Militärkommission des Senats, die den Kontakt zur Garnison hielt.
Zum 1. Oktober 1867 wurden Mannschaften und Unteroffiziere der aufgelösten Kontingente Hamburgs und Lübecks in das neu gebildete Infanterie-Regiment Nr. 76 übernommen. Dessen Füsilier-Bataillon verlegte von Hameln nach Lübeck, das Regiment trat am 8. September 1867 in den Verband des IX. Armee-Korps und führte ab 7. November 1867 den Beinamen „2. Hanseatisches“. Für die Unterbringung musste eine Kaserne gebaut werden; die Stadt stellte dafür die Freiweide an der Plön-Kieler Chaussee, der heutigen Fackenburger Allee, zur Verfügung. Im Dezember 1871 konnte der Bau bezogen werden. Ein Garnisonlazarett war schon während des Deutsch-Französischen Krieges an der nahen Waisenhofallee entstanden; Chefarzt wurde nach dem Krieg Carl Türk.
Ein eigenes Regiment erhielt Lübeck erst dreißig Jahre später. Zum 1. April 1897 stellte die Armee aus abgegebenen Halbbataillonen der Divisionen neue Brigaden auf; Lübeck bekam dabei das 3. Hanseatische Infanterie-Regiment Nr. 162. Das in der Stadt liegende III. Bataillon der 76er wurde dessen II. Bataillon, das I. Bataillon entstand aus Teilen der mecklenburgischen Regimenter Nr. 89 und Nr. 90. Eine Kabinettsorder vom 29. August 1899 legte den 31. März 1897 als Stiftungstag fest. Zusammen mit dem Schleswig-Holsteinischen Infanterie-Regiment Nr. 163 in Neumünster bildete es die 81. Infanterie-Brigade mit Sitz in Lübeck, die zur 17. Division in Schwerin und zum IX. Armee-Korps in Altona gehörte. Damit war Lübeck nicht nur Garnison, sondern auch Brigadestandort.
Für die Rekrutierung galten hanseatische Sonderregeln. Der Landwehrbezirk Lübeck umfasste den Staat Lübeck und den Kreis Herzogtum Lauenburg. Wehrpflichtige mit Lübecker Staatsangehörigkeit wurden zu dem in der Stadt stehenden Regiment einberufen, sofern sie nicht ausdrücklich etwas anderes wünschten; wer für den Infanteriedienst untauglich war, kam zu Kavallerie, Artillerie oder Train. Weil die drei Hansestädte Mühe hatten, genügend Rekruten zu stellen, gab es keine Obergrenze für Einjährig-Freiwillige, und für überseeisch tätige Wehrpflichtige wurde die Reservepflicht ausgesetzt. Männer aus der seemännischen Bevölkerung dienten in der Marine.
Am 5. September 1904 verlieh Kaiser Wilhelm II. dem Regiment während des Kaisermanövers den Namen „Lübeck“. Der Senat schenkte ihm am selben Tag einen Schellenbaum in den Stadtfarben, überreicht im Januar 1905 in der Kriegsstube des Rathauses. Die Verbindung zwischen Stadt und Truppe war auch im Alltag sichtbar: An Sitzungstagen des Senats stand ein Doppelposten vor dem Rathaus, bei Begräbnissen von Senatoren stellte das Regiment das Trauergeleit. 1912 verlieh die Hansestadt dem I. und II. Bataillon Fahnenbänder. Zur Eröffnung des Elbe-Trave-Kanals 1900 und beim letzten Kaiserbesuch im August 1913 trat das Regiment als Ehrenformation an.
Die Unterbringung blieb lange behelfsmäßig. Das I. Bataillon kampierte anfangs in Wellblechbaracken auf dem „Grünen Platz“ und bezog erst am 2. Juni 1899 die neue Kaserne an der Marlistraße. Das Offizierskasino an der Königstraße musste einem Verwaltungsbau weichen; ein Neubau entstand an der Hüxtertorallee. Ein drittes Bataillon erhielt das Regiment zum 1. Oktober 1913, zusammengesetzt aus Kompanien der Regimenter 75, 84, 163 und 31. Als Garnison wurde ihm Eutin zugewiesen – die Hauptstadt des Fürstentums Lübeck, das trotz des Namens nicht zur Hansestadt, sondern zum Großherzogtum Oldenburg gehörte. Der Kasernenbau an der Oldenburger Landstraße begann 1913 und war erst 1915 fertig; das Bataillon zog nie ein, weil es im August 1914 an die Front verlegte.
Lübecker Soldaten waren auch an den Kolonialkriegen des Reiches beteiligt. Beim Boxeraufstand meldeten sich Freiwillige des Regiments zum Seebataillon und kehrten 1901 zurück; ab 1904 traten weitere zur Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika über, die den Völkermord an den Herero und Nama verübte. Für die dabei Gefallenen stiftete der Kameradschaftsbund der 76er und 162er 1907 einen Gedenkstein im Hof der Marli-Kaserne; die Tafel steht heute auf dem Lübecker Ehrenfriedhof.
Am 31. Juli 1914 verließ das Regiment seine Garnison, sicherte zunächst Sylt und die dänische Grenze und stieß dann nach Belgien und Frankreich vor. Bei Noyon überschritt es am 16. September 1914 die französische Grenze; hier ging der Bewegungs- in den Stellungskrieg über. In der 17. Reserve-Division des IX. Reserve-Korps kämpfte es an der Somme, bei Arras, in Flandern und im April 1918 um den Kemmel und Meesen. 85 Offiziere sowie 1.755 Unteroffiziere und Mannschaften fielen. 1919 wurde das Regiment infolge des Versailler Vertrags aufgelöst; seine Tradition führte die 8. (Maschinengewehr-)Kompanie des 6. Infanterie-Regiments der Reichswehr fort. Das Denkmal „Helm ab zum Gebet“ von Richard Kuöhl wurde 1925 auf dem Ehrenfriedhof eingeweiht.
Vom militärischen Lübeck ist baulich wenig geblieben. Die Alte Kaserne an der Fackenburger Allee diente nach 1918 als Polizeikaserne, hieß dann Hindenburg-Kaserne, im Nationalsozialismus Adolf-Hitler-Kaserne und unter britischer Besatzung Churchill Barracks; 1976 wurde sie trotz Denkmalschutzbemühungen abgerissen, das Gelände hatte die Bundespost für ein Fernmeldeamt gekauft. Die Kaserne an der Marlistraße erhielt 1938 den Namen Meesen-Kaserne; ihr Gelände wird heute zum Wohnen sowie öffentlich und gewerblich genutzt, an den einstigen Innenhof erinnert der Straßenname Meesenring. Das Offizierskasino an der Hüxtertorallee steht noch und ist in privater Hand. In Eutin nutzt die Bundeswehr die 1915 fertiggestellte Anlage bis heute; sie hieß von 1961 bis 2021 Rettberg-Kaserne und trägt seither den Namen Oberst-Herrmann-Kaserne.
Rüstungswirtschaftlich trat Lübeck erst im Krieg hervor. Am 28. Februar 1914 schloss die Stadt einen Vertrag mit der Flugzeugwerft Lübeck-Travemünde GmbH, einem Zweigbetrieb der Deutschen Flugzeug-Werke Leipzig, die auf dem Priwall Seeflugzeuge baute – ausschlaggebend war das meist ruhige Wasser der Pötenitzer Wiek. Aus einem Auftrag des Reichsmarineamtes vom 6. Oktober 1917 ging der Aufklärungsdoppeldecker Lübeck-Travemünde F 4 hervor, von dem 34 Stück gebaut wurden; er blieb der erfolgreichste Typ des Werks.
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