Bremen war im Deutschen Kaiserreich ein Bundesstaat ohne Fürsten. Die Freie Hansestadt wurde von einem Senat regiert, und schon deshalb fiel sie aus dem Muster der übrigen Kontingentsherren heraus: Es gab keinen Landesherrn, der Offiziere ernennen, Regimenter nach sich benennen oder als Chef an ihrer Spitze stehen konnte. Nach dem Beitritt zum Norddeutschen Bund regelte die Militärkonvention zwischen Preußen und Bremen vom 27. Juni 1867 die Folgen: Die Militärhoheit ging auf Preußen über, der König von Preußen wurde faktisch Kontingentsherr der bremischen Wehrpflichtigen. Das 1813 aufgestellte Füsilier-Bataillon Bremen, der letzte eigenständige Truppenkörper der Stadt, wurde aufgelöst.
Seine Mannschaften bildeten das I. Bataillon eines neuen preußischen Regiments. Dieses war bereits durch Kabinettsorder vom 27. September 1866 verfügt und am 3. November 1866 in Stettin aus Kompanien pommerscher Regimenter zusammengestellt worden. Zunächst formierte es sich zu einem Musketier-Bataillon in Harburg und einem Füsilier-Bataillon in Stade. Als Infanterie-Regiment „Bremen" (1. Hanseatisches) Nr. 75 wurde es zum Hausregiment der Stadt. Ab 1893 lagen beide Musketier-Bataillone in Bremen, während das Füsilier-Bataillon dauerhaft in Stade blieb – das Regiment war also über zwei weit auseinanderliegende Garnisonen verteilt, ein Zustand, der bis zum Ende der Monarchie bestand.
In der Friedensgliederung von 1914 gehörte das Regiment zur 33. Infanterie-Brigade mit Sitz in Altona, zusammen mit dem Infanterie-Regiment „Hamburg" (2. Hanseatisches) Nr. 76. Die Brigade unterstand der 17. Division in Schwerin, diese dem IX. Armee-Korps, dessen Generalkommando seit 1871 in Altona an der Palmaille residierte. Der Korpsbezirk umfasste damit ein ungewöhnlich heterogenes Gebiet: Schleswig-Holstein, die mecklenburgischen Großherzogtümer und die drei Hansestädte. Das dritte hanseatische Regiment, die Nr. 162 aus Lübeck, gehörte zur 81. Infanterie-Brigade derselben Division. Bremische Rekruten dienten in der Regel im Regiment 75; sein Ersatzwesen war auf die Stadt und ihr Umland ausgerichtet.
Von der eigenen Staatlichkeit blieb im Militärischen vor allem Symbolik. Die Soldaten trugen preußische Uniformen, dazu aber das bremische Wappen und die hanseatische Kokarde neben der schwarz-weiß-roten Reichskokarde. 1915 verlieh der Senat den drei Fahnen des Regiments das Hanseatenkreuz am rot-weißen Kriegsband, eine Auszeichnung, die die drei Hansestädte in jenem Jahr gemeinsam gestiftet hatten. Über die Symbolik hinaus setzten die Hansestädte allerdings zwei handfeste Ausnahmen durch, die ihrer Wirtschaftsstruktur geschuldet waren: Bei den Einjährig-Freiwilligen entfielen die sonst üblichen zahlenmäßigen Begrenzungen, und für überseeisch tätige Wehrpflichtige wurde die Reservedienstpflicht ausgesetzt. Kaufmannssöhne und Seeleute sollten nicht durch Übungen aus dem Überseegeschäft gerissen werden.
Untergebracht war die Truppe im Süden der Stadt, auf den Bastionen des Neustadtswalls. Bereits 1815 waren dort am Hohentor erste Kasernenbauten entstanden, 1840/42 kamen weitere auf der Schwarzpottbastion hinzu; die 1842 errichtete Kaserne I diente dem bremischen Bataillon und brannte 1871 teilweise ab. 1873 gingen die bremischen Kasernen an das Reich über. Der eigentliche Ausbau folgte 1892/93, als die Anlage um die Kasernen II bis V sowie um Wirtschaftsgebäude, Offizierskasino, Waschhaus, Schmiede, Ställe, Exerzierhalle und Munitionsschuppen erweitert wurde; Kaserne V nahm verheiratete Unteroffiziere auf. Erst diese Erweiterung machte es möglich, ab 1893 zwei Bataillone in Bremen zusammenzuziehen.
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 stand das Regiment vor Metz und Paris und verlor 26 Offiziere sowie 534 Unteroffiziere und Mannschaften. Am 2. August 1914 mobilisierte es und wurde an die Westfront geworfen. In den Kämpfen bei Mons traf es auf britische Berufssoldaten und erlitt dabei nach der Regimentsüberlieferung 381 Tote; später standen Teile bei Noyon, wo erneut hohe Verluste ersetzt werden mussten. Wie bei anderen Regimentern wuchsen aus dem Friedensverband im Krieg Reserve- und Landsturmformationen mit derselben Nummer heraus, die Bremen und Umgebung als Ersatzraum nutzten.
Eine zweite militärische Dimension hatte Bremen als Seestaat. Zum Staatsgebiet gehörte Bremerhaven, der wichtigste Truppeneinschiffungshafen des Reiches. Am 27. Juli 1900 verabschiedete Wilhelm II. dort das Ostasiatische Expeditionskorps, das im Verbund mit sieben weiteren Mächten den Boxeraufstand in China niederschlagen sollte. Seine Ansprache an Bord beziehungsweise vor den Transportern „Batavia", „Dresden" und „Halle" forderte ein Vorgehen ohne Pardon nach dem Vorbild der Hunnen; sie ging als „Hunnenrede" in die Geschichte ein und lieferte der Entente im Ersten Weltkrieg das Schimpfwort vom deutschen „Hunnen". Die Transporte selbst stellte der Norddeutsche Lloyd, dessen Schnelldampfer im Kriegsfall als Hilfskreuzer und Truppentransporter eingeplant waren.
Dazu kam die Rüstungsproduktion an der Weser. Die 1872 gegründete AG Weser in Gröpelingen baute für die Kaiserliche Marine; zwischen 1914 und 1918 verließen dort sechs Kriegsschiffe und 86 U-Boote die Helgen, darunter drei für Österreich-Ungarn. Auch der 1893 gegründete Bremer Vulkan in Vegesack, sonst ein Handelsschiffbauer, arbeitete in den Kriegsjahren für die Marine. Bremen war damit weniger Festungs- oder Korpsstadt als Werft- und Hafenstadt mit einer Infanteriegarnison – eine Kombination, die es im Kaiserreich nur in wenigen Orten gab.
Das Ende kam in wenigen Wochen. Ab dem 1. Januar 1919 trafen die Reste des Regiments am Bahnhof Sebaldsbrück ein, wurden auf dem Marktplatz begrüßt und anschließend entwaffnet. Aus ehemaligen Angehörigen bildeten sich das Freikorps Caspari und eine Regierungsschutztruppe. Am 4. Februar 1919 rückten die rund 3.500 Mann starke Division Gerstenberg und das etwa 300 Mann zählende Freikorps Caspari von beiden Weserseiten gegen die am 10. Januar ausgerufene Bremer Räterepublik vor; die Kämpfe kosteten insgesamt 83 Menschen das Leben, darunter Zivilisten. In die Kasernen der Neustadt zogen anschließend Reichswehrverbände ein. Von der Anlage steht heute nur noch die um 1890 errichtete Kaserne IV an der Neustadtscontrescarpe 49/51 und Schulstraße 11, ein dreigeschossiger Backsteinbau mit elf Achsen, Mittelrisalit und Rundbogenfenstern. Sie ist das älteste erhaltene Gebäude Bremens, das eigens für militärische Zwecke gebaut wurde, steht seit 2010 unter Denkmalschutz und wurde nach 1945 von der Polizei genutzt.
Werbehinweis: Die vorstehenden Buchverweise führen zur Suche bei Amazon. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.